×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kolumne: First World Problems #262

Lukas Diestel über den Wahnsinn des Friseurbesuchs

Einmal im Leben umgehört, und schnell wird klar: Selbiges ist kein Zuckerschlecken! Es folgt eine neue Ausgabe viel diskutierter First World Problems. Irgendwas ist doch immer, findet Lukas Diestel vom Blog Worst Of Chefkoch. Zum Beispiel Friseurbesuche.

Geschrieben am

Wer schön sein will, muss leiden, heißt es. Ob man nun versucht, sich rechtzeitig zur Strandsaison in eine schmalere Form zu hungern oder sich morgens schon die Laufschuhe unter die müden Füße spannt. Ob man, mit Pinzette und Trimmer bewaffnet, gegen die zunehmende Nasenbehaarung angeht oder der Geldbeutel blutet von der nicht enden wollenden Flut an Lotionen, Tinkturen, Cremes und Peelings. Es stimmt: The pain is real.

Doch alles so herbeigeführte körperliche und finanzielle Leid kommt nicht annähernd an den psychologischen Terror, den Wahnsinn, die innere Zerstörungskraft eines Besuches im Friseursalon heran. Allein die Überwindung, in diese Geschäfte einzutreten, mit ihren Namen, diesen unsäglichen Namen. »Haarbracadabra«, »Vier Haareszeiten«, »Haireinspaziert«, »Haarakiri«, »Einfach hairlich«. Kein anderes Gewerbe hat sich das schlechte Wortspiel so zu eigen gemacht wie das der fleißigen Haarabschneider*innen der Nation. Wahrscheinlich alles Absicht: Haare, die zu Berge stehen, lassen sich schließlich leichter abschneiden.

Ist das Wortspiel erst mal verdaut, geht es hinein, in den Haarproduktetempel. Nach einer meist freundlichen Begrüßung nimmt man unter Umständen noch kurz Platz. Eine kleine Verschnaufpause, die meistens dafür draufgeht, panisch nach Anweisungen zu suchen, die über »Ich würde mir gerne die Haare schneiden lassen« hinausgehen. Wirklich Mutige haben ein Foto einer Frisur dabei, in der Hoffnung, dass diese irgendwie mit ihrem Gesicht korrespondiert. Ob dass der Fall ist, erfährt man meist leider erst, wenn es zu spät ist.

Genau da liegt natürlich die Krux des Haareschneidens. Vorhair weiß man nicht, wie es aussieht, nachhair kann man nichts mehr machen. Denn wenn der oder die Hairstylist*in fragend ein Büschel meiner Haare nach oben zieht, mit den Fingern eine Stelle anzeigt und »so viel?« fragt, dann tut sich in mir ein riesiges Fragezeichen auf. Der einzige Grund, warum ich an dieser Stelle nicht einfach in Tränen ausbreche, ist die Nachwirkung der beruhigenden Kopfmassage beim Haarewaschen. Ein bisschen mehr, ein bisschen weniger, die Seiten kürzer, die Ohren frei, ich weiß es doch auch nicht. Das Zeug muss ab, sag du mir wo, du bist doch der Profi von uns beiden! Wenn mein Bein amputiert werden müsste, möchte ich auch nicht gefragt werden, ob ich es lieber ober- oder unterhalb des Knies abgetrennt haben möchte.

20 Minuten später sitze ich inmitten meiner zu Boden gebrachten Ex-Haarpracht und soll anhand zweier Spiegel erkennen, ob mir mein Hinterkopf gefällt. Alle Anwesenden wissen, dass ich sowieso wieder nur ein achselzuckendes »Ja, passt« herausbringe. Danach stehe ich auf und zahle. Bloß weg hier! Weg von den ganzen Spiegeln, aus denen mir eine Person entgegenblickt, die nicht mehr aussieht wie ich noch vor einer halben Stunde. Und das Schlimmste an all dem? Wenn man sich erst mal an die neue Frisur gewöhnt hat, wird es langsam schon wieder Zeit für den nächsten Besuch. Bleibt nur zu hoffen, dass von dem ganzen Stress bald alle Haare ausfallen – dann hat sich das Thema endlich erledigt.