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der Roten Gourmet Fraktion

Kochen mit

Wir haben uns zum Essen eingeladen bei Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen von der Roten Gourmet Fraktion, dem Tourcaterer für Milliarden von Bands von INXS bis Rammstein.
Geschrieben am
100 Jahre "Kochen mit". Nach unzähligen mehr oder minder kulinarisch gelungenen Happenings der Nahrungszubereitung mit Menschen des kochfernen Musikgeschäfts nun endlich jemand, der sich damit auskennt. Wir haben uns zum Essen eingeladen bei Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen von der Roten Gourmet Fraktion, dem Tourcaterer für Milliarden von Bands wie Earth Wind & Fire, INXS, Rammstein und Rosenstolz und Hüter über eine pralle Fülle an Wissen und Begeisterung für Nahrung. Oder, wie Ole es so schön gesagt hat: "Als Koch hat man was zu geben, was viele Leute im täglichen Leben interessiert."

Und sie haben gegeben. Und wer wäre ich, bei einer so dramatischen Aussage zu lügen wie der, dass dieser sommerliche Nachmittag für mich einer der schönsten meines Lebens war? Da reicht nur ein Besuch bei meiner Tante Hedi heran, bei der wir ein Schwein geschlachtet, ausgenommen und anschließend dessen Innereien nach Farben sortiert haben. Aber dazu auf diesen (gewöhnlich vegetarismuslastigen) Seiten nicht mehr.

Dennoch: Auch Ole und Jörg haben etwas von Tante und Onkel. Warmherzig werden wir empfangen im Hauptquartier, das idyllisch hinter dem Industriegebiet Pinneberg-Nord in der Nähe Hamburgs liegt. Ein kleines Häuschen im Grünen. Ein Wäscheständer vor der Tür, an dem karierte Geschirrhandtücher im warmen Sommerwind flattern. Ich meine sogar, mich an gestreifte und gescheckte Tiere erinnern zu können, die im Hintergrund ihre Nasen am Gras grün reiben. Doch diese Ruhe trügt: Kaum haben wir das Schmuckstück - eine sehr saubere, sehr ordentliche Multifunktionsküche, bei der alles auf Rollen scheint - betreten, geht es auch schon los: Die beiden peitschen liebevoll mit ihrem Fachwissen auf uns ein, und ich ahne, dass ich diesen Hexenkessel nicht nur mit vollem Bauch verlassen werde.
Seit 15 Jahren ist die RGF unterwegs und bekocht erfolgreich Bands. Anspruch war dabei, innovative Speisen in Gourmetqualität auf den Teller zu bringen und die sonst übliche Backstage-Tristesse durch gekonnte Arrangements und Dekorationen zu vertreiben. "Wenn die Stimmung im Cateringraum mies ist, überträgt sich das auf die gesamte Produktion", so die Philosophie. Auch in ihrer Produktionsküche beißt sich sterile Sauberkeit mit Punk-Accessoires: Ratten aus Ton mit Nietenhalsbändern, Pfeffermühlen mit Nietenarmbändern, ein Totenschädel mit einer Pagenmütze des Maritimhotels.

Das Menü heute ist eine Hommage an drei Festivals: "Elbeglück": Rauchmatjes aus Glückstadt an der Elbe mit Zwetschgenragout und Pumpernickel-Meerrettichsahne. "Gewitterfisch": Thunder auf Graupelschauer mit Vermouthsauce und geschmolzenen Tomaten. "Sweet Hurricane": Mascarponewirbel auf Langpfeffer-Erdbeeren (Rezept nachlesen?).

Und los geht der Wahnsinn. Zwetschgen schneiden, Zwiebeln andünsten, während die beiden wie Wasserfälle über Nahrung dozieren. Dr. und Dr. Food: Warum Matjes aus Glückstadt kommen muss. Dass man Ingwer mit dem Löffel schält. Dann irgendwann wird gemeinsam abgeschmeckt. Nachdenklich, fast schon verträumt stehen die beiden mit ihren Silberlöffeln am Herd und kosten das Zwetschgenragout, das eigentlich ein Chutney werden könnte, wenn man es nur länger ziehen lassen würde, einen Tag. (Eine Einladung, dass wir über Nacht bleiben und bei Bier und Himbeersalz dem Chutney beim Werden zusehen? Ich wäre dabei.) Es sind auch im Folgenden diese Augenblicke des Probierens, in denen für ein paar Sekunden Stille in die Küche einkehrt, bevor es dann weitergeht. Vermutlich ist eben diese Rastlosigkeit der Grund, warum die beiden immer noch Spaß am Touren haben. Damit sei es wie mit der Seefahrerei, sagt Jörg, es würde einen immer wieder hinaus aufs Meer ziehen. Das Meer die Straße, der Bus das Boot. Poesie pur! Worte zum Essen, wir essen im Stehen Matjes.

Dann der Hauptgang: Jörg spritzt Blitze aus Brandteig, während Ole dem Fisch schräge Schnitte beibringt. Sie verstehen ihr Handwerk als Entertainment. Die beiden reden, oft gleichzeitig, alles Wissen über Nahrung wohnt in ihnen. Mein Kopf läuft voll, doch wann immer ich kurz meine Füße ansehe, um den Halt nicht zu verlieren, werde ich mit Anekdoten zurück ins Geschehen gezogen. (Dass INXS 300 kg Eis für den Tourbus geordert haben. Für Drinks.) Ich muss an Dingen riechen, die ich nie zuvor gesehen habe. Manches sieht nach Tierexkrementen aus und riecht lustig. Ole schüttet mir Olivenöl in die Hand, ich lecke. Schmecke, während er mich mit großen, leuchtenden Augen ansieht, und ich komme mir schäbig vor bei dem Gedanken, dass Lebensmittel für mich bislang einfach nur Nahrung waren.

Wir essen draußen, starren in die grüne Weite, vergessen das Industriegebiet. Es gibt Bier zum Fisch und Weisheiten. Punkrock ist die Kunst, immer das zu machen, was man eigentlich will, und nicht das machen zu müssen, was andere von einem erwarten. Alle lauschen andächtig, bevor es mit dem Koch-Overkill weitergeht. Die beiden Boys sind nicht zu stoppen, und obwohl man das Gefühl hat, die beiden arbeiten im Akkord, ist es doch längst Abend, als wir uns an den Nachtisch machen: Erdbeeren mit Langpfeffer und etwas Tonkabohne, die man lange Zeit nicht habe kaufen können, weil sie in großen Mengen krebserregend sei, erklärt Jörg. Ich rauche, um mich zu beruhigen. Aus Golddosen löffeln wir den Nachtisch. Dass Mascarpone zwei Prozent mehr Fett als Butter habe, höre ich von einer Stimme, und allmählich merke ich das auch. Essen geht durch den Magen, oder wie war das?! Ich sehe meinem Bauch zu, der aus mir schwillt und seinen Nabel nach außen stülpt, und auch mein Kopf kommt mir größer vor. Schwerer ist er auf alle Fälle, in ihm schlummert nun reichlich Wissen. Angefüllt, aber glücklich stolpere ich hinaus. Schafe mähen leise. Nächstes Mal seid ihr dran.

Auch super und statt Ravioli: Ole Plogstedt gibt euch Tipps für das Kochen auf Festivals.