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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Genuss ist keine Wissenschaft

Dein Weg zum Wein

Beatles oder Stones? Pop oder Klassik? Bier oder Wein? Alternativen, die möglicherweise gar keine sind. Nur: Wie beginnt man mit dem Weintrinken? Wann? Warum? Und welche Infos aus diesem hochspeziellen, detailverliebten Kennergebiet sind überhaupt wichtig für mich als blutigen Anfänger? Bevor wir etwas Licht ins Dunkel bringen, sei gewarnt: Wer sich von der Vielfalt der Rebsorten, dem Geschwätz selbsterklärter Kenner oder seinem untrainierten Gaumen abschrecken lässt, dem könnte beim Thema Wein so einiges entgehen. Echt jetzt!
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Ob es Rot- oder Weißwein sein soll, darüber ist schnell entschieden – zumal hier auch die weniger Bewanderten bei einer Blindverkostung die Übersicht behalten würden. Der Grauburgunder ist nicht grau, der Pinot Noir nicht wirklich schwarz. Lieblich, trocken – okay, geschnallt. Wenn es sich dann aber um Anbaugebiete, Winzer und Jahrgänge dreht, geht die Orientierung schnell verloren. Von chemisch anmutenden Begrifflichkeiten wie »Restzucker« und »Tanningehalt« ganz zu schweigen. Der durchschnittliche Getränkekäufer ist da schnell befangen oder resigniert. Und wenn schon die Auswahl im Discounter um die Ecke vor ein Rätsel stellt, wie soll man denn dann bitte im Fachhandel die richtige Entscheidung treffen? Kein Wunder, dass die Welt der Weine da zu elitärem Territorium wird, auf dem man mit bloßem Halbwissen zum kläglichen Scheitern verdammt ist. Oder, andersherum: auf dem es sich ausgiebig schwätzen lässt. Und zwar auch dann, wenn man keine Ahnung hat. Dabei heißt es doch immer, dass der wahre Genießer schweige?

Zunächst einmal: Was ist eigentlich diese ominöse »gute« Flasche Wein? Wie hoch kann ich im Preis gehen, damit ich das Produkt noch zu schätzen weiß? Und könnte ich nicht schnell als Banause dastehen, wenn ich einem angeblich edlen Tröpfchen nichts abgewinnen kann? Fragen, die weniger auf den Nägeln brennen, schrecken sie doch eher davon davon, die Schwelle zum scheinbar elitären Weinkosmos überhaupt zu übertreten. Oder gar ein informiertes Gespräch zu führen. Und das, obwohl sich Deutschland eigentlich als Weinbauland rühmen darf. Eigentlich.

Bahn frei für den Genuss!

Es gibt eine gute Nachricht: Fundiertes Fachwissen ist nicht vonnöten, um Wein zu genießen. Und genauso wenig, wie der Genießer auch fachsimpelnder Vollnerd sein muss, hat der bessere Wein immer der teurere zu sein. Nichtsdestotrotz: Etwas Grundwissen schadet nicht – und sei es nur, um das traditionsreiche Getränk und seine schier endlosen Erscheinungsformen angemessen würdigen zu können. Im Wein selbst liegt die Wahrheit, um einen abgegriffenen Spruch aus dem Lateinunterricht aufzugreifen: »In vino veritas«.

Um zur tieferliegenden Wahrheit vorzudringen, sprich: die immer feiner abgestuften Nuancen würdigen zu können, braucht es jedoch erprobte Geschmacksnerven. Ebenso ist es beim Geruchssinn: Die Assoziationen, die einem Weinkenner durch den Kopf gehen, sind dezidiert. Er kann die Blume, wie man das Wein-Bouquet auch nennt, Note für Note entschlüsseln. Das erfordert viel Übung und Erfahrung, sprich: eine große Menge degustierter Gläser Wein. Nicht umsonst gibt es in vielen Restaurants Fachleute, sogenannte Sommeliers, die Gästen den Weg durch den Weindschungel bahnen, um am Ende einen Wein nach deren Geschmack ausfindig gemacht zu haben. Oder sie schneidern den angebotenen Menüs die Weinbegleitung Gang für Gang auf den Leib.

Viele feine Unterschiede

Und wie finde ich auf eigene Faust zu meinem Wein? Während Supermarktketten ihr Weinsortiment meist übers ganze Jahr von internationalen Lieferanten beziehen und sich dabei geschmacklich und preislich am Durchschnittskunden ausrichten, finden Sie in Fachgeschäften auch Weine aus der Region. Die schlagen allerdings mit durchweg teureren – darum aber keineswegs unrealistischen – Preisen zu Buche. Dafür erhält man dort nicht nur eine eingehende individuelle Beratung vom Fachmann, sondern bekommt den Wein auch zur Verkostung angeboten – und am Ende ist vielleicht auch ein kleiner Sonderrabatt für euch drin.
Wer sich als Gelegenheitskäufer im Supermarkt eindeckt, sollte sich hüten, zum preisgünstigsten Wein in den untersten Regalen greifen, muss aber auch nicht bedeutend mehr auf den Tisch legen. Ein, zwei Euro mehr in der Investition können hier schon einen gewaltigen Unterschied machen. Dabei ist auch die Herkunft ein nicht außer Acht zu lassender Maßstab. Ein Spanier für einen Fünfer ist regelmäßig besser als ein Bordeaux der selben Preisklasse. Wenn das Siegel einer Winzergenossenschaft oder eines Testinstituts drauf ist – na, umso besser! Das gute Preis-Leistungs-Verhältnis ist, wie in den meisten anderen Supermarktregalen auch, in der Regel auf Augenhöhe zu suchen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass gerade Supermarktweine nicht etwa in den Weinkeller gehören, sondern jung getrunken werden wollen.

Von Formen und Farben


Also sofort aufmachen, okay. Aber welche Kategorie trinkt man denn nun? Rot oder Weiß, das muss – wenn nicht schon das Essen – jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist: Der Einstieg fällt mit den leichteren, erfrischenderen weißen Weinen deutlich leichter. Mit den komplexen, geschmacklich oft sehr fordernden Rotweinen wird man demgegenüber nicht ganz so schnell warm. Falls es doch nach dem Essen geht, gibt es da eine Faustregel: Weißwein passt gut zu Geflügel, Rotwein gut zu dunklem Fleisch und Wild. Der Rest ist persönliche Vorliebe. Probieren geht über Studieren. Und Zeit, sich mit den Vorzügen einzelner Jahrgänge auseinanderzusetzen, bleibt nach »Einarbeitung« immer noch.

Ein Faktor, der häufig außer Betracht bleibt, ist das Glas, aus dem man trinkt. Und das, obwohl es hier um weit mehr geht als nur die Ästhetik. Außerdem gibt es nicht »das« Rotweinglas oder »das« Weißweinglas schlechthin, sondern es wird nach Rebsorten differenziert. So ist das Burgunder-Glas fruchtigen Weinen vorbehalten, während in das etwas größere Bordeaux-Glas gern kräftige Weine eingeschenkt werden. Eine ähnliche Teilung wird beim Weißwein vorgenommen: Dort ist bei den leichten Sorten dem etwas schlankeren Riesling-Glas der Vorzug gegeben; die intensiveren Kandidaten kommen ins Chardonnay-Glas. Und dann gibt es da ja noch das schmale Champagner- oder Sektglas, an dessen Boden sich auch der sogenannte Moussierpunkt befindet: eine kleine, eingeschliffene Erhebung, die den Fluss der Kohlensäureperlen ästhetisch beeinflusst.

Der Beginn einer großen Reise

Aus dieser Systematik lässt sich folgende Regel keltern: Je kräftiger der Tropfen, desto mehr Volumen braucht er im Glas. Der Grund: Mit der Glasform kann der Sauerstoffkontakt und damit auch die Entfaltung des Aromas gesteuert werden. Bauchige Gläser führen mehr Sauerstoff zu; die sich verengende Form im oberen Bereich aller Weingläser sorgt dafür, dass der Duft des Weines an der Nase besonders gut zur Geltung kommt. Ganz abgesehen davon bestimmt die Glasform auch, wie genau der Wein auf unsere Zunge gelangt. Das beeinflusst die geschmackliche Wahrnehmung erheblich. Hinzu kommt, dass wir nach Form des Randes unsere Lippen verschieden ansetzen und so auch selbst die Weichen für die sinnliche Wahrnehmung des Weines stellen – auch wenn die Aufteilung unserer Zunge in »Geschmackszonen« seit kurzem endgültig widerlegt sein dürfte.

Wer die richtige Glasform zu seinem Lieblingswein gefunden hat, der muss nur noch eine Entscheidung treffen, und die betrifft die Herstellungsweise des Glases. Mundgeblasene Gläser sind selbstredend teurer als die aus industrieller Fertigung und gehen auch leichter zu Bruch. Dafür sind Geruch und Geschmack kaum zu schlagen, sodass es zum Genuss zwar nicht unbedingt notwendig ist, aber garantiert auch nicht schadet, ein paar davon für alle Fälle im Schrank zu haben. Und wer auf diese Weise gewappnet schließlich eines Tages auf »seinen« Wein trifft, für den wird die Suche weitergehen – weil da draußen ganz sicher noch viele weitere Entdeckungen dieser Art warten. Wer bereit ist, zu lernen, für den beginnt hier das Abenteuer, sollte es nicht schon längst begonnen haben. Ein Leben zwischen Reben bietet Raum für viele Lieben. Und der will genutzt werden.

Foto: Lukáš Jirovský / flickr / cc