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Jahresrückblick 2014: Ein gutes Jahr für Deutschland

Das politische 2014

Das politische Jahr 2014. Es treten auf: Hitler (irgendwie ist der ja immer dabei), die AfD, ISIS, die GDL, Putin und die Rüstungslobby. Unser Autor Leo Fischer – Ex-Titanic-Chefredakteur und Die-PARTEI-Mitglied – ist sich trotz allem sicher: 2014 war ein gutes Jahr. Wenn schon nicht für die gesamte Menschheit, dann zumindest für Deutschland.
Geschrieben am
Zuerst waren sich alle einig: 2014 war ein kompletter Reinfall! Zu wenig Sonne, zu starker Regen, zu viele Ausländer; der Welthunger wurde nicht besiegt, der Krebs nicht in vernünftige Bahnen gelenkt und Edward Snowden immer noch nicht aus Obamas Folterhaft in San Guantanamo befreit. Das neue iPhone verbog sich schon beim Auspacken, das Samsung hingegen verlor schon nach zwei Monaten dieses kleine Nippelding, das angeblich vor Wasserschäden schützt. Und die Dunkin’-Donuts-Filiale im Hauptbahnhof Frankfurt? Hören Sie mir auf mit der Dunkin’-Donuts-Filiale im Hauptbahnhof Frankfurt! Die wurde doch gerade jetzt erst fertig! Und kam damit ca. neun, ach was: volle dreizehn Jahre zu spät. So dass hierdurch das Kraut (Jahr) am Ende auch nicht fett (gut) werden konnte. 2014 – ein Jahr zum Abhaken also?

Keineswegs! Unabhängige Jahresexperten haben 2014 noch einmal auf Herz, Nieren und Bandscheibenprolaps geprüft – und dabei festgestellt, dass es zwar der ganzen Welt seit 2014 deutlich schlechter geht, am wenigsten schlecht geht’s allerdings den Deutschen! Hat sich 2014 insgesamt als Heiltherme der Volksgemeinschaft herausgestellt? War 2014 »unser deutsches Jahrzehnt« (Helmut Schmidt)?

Immerhin wurde 2014 das politische System in nie da gewesener Weise vereinfacht. Dank der verschwundenen FDP ist etwa die Parteienlandschaft viel übersichtlicher geworden! Es gibt jetzt nur mehr zwei ernst zu nehmende Parteien, CDU und SPD, die praktischerweise gleich zusammengefasst sind. Beide haben jeweils in AfD und Linkspartei einen bösen Zwilling ihrer selbst bzw. eine Sammelstelle und Verbrennungsanlage für den unverdaulichen Personalausschuss gefunden. All die Irren und Unsympathen, die den guten Ruf einer Volkspartei ruinieren können, müssen ja schließlich irgendwohin! Wenn sie nicht zu den Grünen gehen: Denen fehlt zwar noch so eine Zwillingspartei, aber es steht zu vermuten, dass sie 2015 die »Gnoppis« gebären werden, die Partei der Gnadenlosen Opportunisten, die das Radfahrertum der Mutterpartei auf die Spitze treiben und ihre Grundsätze aufgeben, noch bevor sie sie überhaupt formuliert haben. Das alles natürlich mit allerbestem Gewissen und auf Grünkernbasis.
Auch die Erfolge des »Islamischen Staats«, so unerfreulich sie sich im Detail ausnehmen, haben letztlich für Deutschland nur Gutes bewirkt. Endlich gibt es wieder stabile Absatzmärkte für die deutsche Rüstungs- und Entwicklungsindustrie; außerdem wurde auch die Komplexität der Außenpolitik (Pro oder kontra Assad? MGs oder Uzis? Schwerter oder Pflugscharen?) erfolgreich reduziert: Mit dem IS hat man zum ersten Mal seit Hitler wieder einen Gegner, auf den sich die ganze Welt einigen kann. Gleichzeitig werden wir dank der Freunde aus Nahost all jene planlosen NRW-Jugendlichen los, die sogar für die Bundeswehr zu dumm sind: Sie fahren ohne Rückfahrschein auf Abenteuerurlaub ins Kalifat und werden mit etwas Glück von einer amerikanischen Drohne weggesprengt. IS – ein Glücksfall für die Arbeitslosenstatistik!

Bleiben wir bei der Außenpolitik. Die Geschehnisse in und um Russland sind natürlich unschön. Schwulenverfolgung, Euromaidan, unbekannte gelbe Unterseebote vor der schwedischen Küste. Doch die positiven Aspekte liegen auf der Hand: Im Vergleich zu Putins Homo-Politik wirkt Deutschland fast wie ein liberales, aufgeklärtes Land! Die Hoffnung ist, dass Putins »Lupendemokratie« (Zitat deutsches Kabarett) noch weiter in den Irrsinn abdriftet, denn mit jedem Pogrom und jedem Lkw-Konvoi wirken die Zustände hier noch einen Tacken vernünftiger, wohlgeordneter. Wenn Putin noch begönne, die Westukrainer flächendeckend mit Ebola anzustecken, wäre die westliche Wertegemeinschaft aufs Erste aus dem Schneider.

Denn dass die westliche Wertegemeinschaft dringend wieder einen Feind braucht, steht außer Frage. Werte sind schließlich nur dann etwas wert, wenn man sie gegen jemanden verteidigen kann, ansonsten handelt es sich um bloße Rollenprosa. Einen ausgezeichneten Feind machte da Sebastian Edathy aus – schwul, in der SPD und mit Notebook ausgestattet, das sind ja gleich drei Verdachtsmomente auf einmal! Im anstehenden Verfahren geht es um das Alter der Knaben, deren Fotos er sich im Netz angesehen hat. Waren sie legal oder eben nur barely legal? Man darf den Anklägern für ihre Eile keinen Vorwurf machen, denn nur durch ihr beherztes Handeln konnten sie verhindern, dass die Dargestellten weiter altern, die Legalitätsgrenze überschreiten und sich der Fall damit auf biologische Weise gelöst hätte.
Andersrum: Sollte sich das Verhalten der Staatsanwaltschaft nachträglich als nicht gerechtfertigt herausstellen, hat Edathy gute Chancen, wieder als Ehrenmann in den Plenarsaal zurückzukehren und von Sigmar Gabriel ordentlich was auf die Schulter geklopft zu kriegen.

Während der Feind Edathy dazu beitrug, das Sittlichkeitsempfinden der Deutschen zu stärken, versöhnten sie sich mit einer anderen Nemesis: der Deutschen Bahn. Der verschollene Flug der Malaysia Airlines wie auch die über der Ukraine abgeschossene Passagiermaschine zeigten den Bürgerinnen und Bürgern, dass andere Länder Verkehrsprobleme haben, neben denen sich der GDL-Streik wie ein Kaffeeklatsch ausnimmt. Umgekehrt steht nun natürlich zu befürchten, dass die GDL ihre Lehren aus 2014 zieht, sich weiter radikalisiert und – wer weiß – schon 2015 mit der Entführung ganzer Regionalzüge beginnt. Sicherheitshalber verbietet man sie schon jetzt als terroristische Vereinigung.

Überhaupt war 2014 ein Jahr der Sicherheit, der Stabilität. Erinnern wir uns an die gescheiterten separatistischen Bewegungen des Jahres! Den Schotten ist es nicht gelungen, die Briten von der Insel zu treiben, ebenso wenig wie es der Hamas mit den Israelis und der Halbinsel gelang. Unterm Strich können wir Deutsche so bares Geld sparen, denn unsere Atlanten bleiben auch 2015 noch gültig (wenn Putin noch vor Weihnachten auf der Krim aufräumt). Wem das als Erfolg nicht reicht, der halte sich wenigstens dies vor Augen: Das Jahr 2014 hat ein 2015 überhaupt erst möglich gemacht. Ohne 2014 hätten wir überhaupt keine Zukunft mehr!