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Kratzen & Beißen

Christian Schlodder gegen politische Humorlosigkeit

Während Angela Merkel in der Flüchtlingsfrage heimlich, still und leise eine 180-Grad-Wendung hingelegt hat und mit einem unausgegorenen Deal mit der Türkei versucht, ihre Felle zu retten, wird Jan Böhmermann zum Politikum. Nun stellt Erdogan sogar einen Strafantrag. Ist das einfach nur humorlos oder brandgefährlich? Fragt sich: Christian Schlodder.
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Wer ab und an in sozialen Netzwerken unterwegs ist, gewöhnt sich irgendwann an den Fakt, dass vieles bewusst aus dem Kontext gerissen wird, um den vermeintlichen Aufreger zu produzieren. Genau das passierte nach Jan Böhmermanns kontextueller Schmähkritik gegen den türkischen Präsidenten Erdogan, die nicht viel mehr war als die Konterkarierung der Dünnhäutigkeit Erdogans.

Der hält nämlich gerne die türkische Presse klein und kippt aufgrund falscher Großmannssucht Öl in nahezu jeden Brandherd der Region, bestellt aber gleichzeitig den deutschen Botschafter ein, um sich über einen harmlosen Satire-Song des NDR aufzuregen. Nun hat er einen Strafantrag gegen Böhmermann gestellt, obwohl sich Angela Merkel in Kadavergehorsam von diesem, nun ja, Gedicht distanzierte. Die Kunst- und Pressefreiheit sei zwar nicht verhandelbar, ließ sie mitteilen, geprüft werde der Antrag trotzdem. Doch wenn diese Freiheiten nicht verhandelbar sind: Warum muss man tagelang darüber beraten? Sind wir aufgrund eines wie auch immer gearteten politischen Deals so erpressbar geworden, dass wir Kontexte absichtlich ausblenden und selbstverständliche Freiheiten plötzlich tagelanger Prüfungen bedürfen? Wenn jemand wie Böhmermann mit einer bewusst provokanten – und kontextuellen – Grenzüberschreitung in einem Spartenformat zum Gegenstand aktueller Tagespolitik werden kann, muss sich vor allem Merkel fragen lassen, ob ihr Deal vielleicht doch nicht das Gelbe vom Ei ist – oder besser ihr Partner auf der anderen Seite. 

Man muss Böhmermann fast schon dankbar dafür sein, dass er Schwächen aufgedeckt hat. Schwächen eines Deals, der mehr Fragen als Antworten liefert. Eines Deals, der einen humanitären Anstrich haben soll, aber in Form von Erdogan mit jemandem geschlossen wurde, der für Humanität nicht sonderlich viel übrighat. Böhmermann hat den politischen Verantwortlichen so drastisch wie eindrucksvoll die Maske vom Gesicht gerissen, mit der alle irgendwie ihr Gesicht wahren wollten. Denn während halb Deutschland noch darüber debattierte, was Satire darf und was nicht, findet die wahre Satire gerade auf politischer Ebene statt – irgendwo zwischen Berliner Kanzleramt und türkischem Präsidentenpalast. Nur den Moment zum Lachen sucht man leider vergeblich.