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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Filter, ohne Aussage

Christian Lindners Wahlkampf

Die Bundestagswahl und ihre Folgen tauchen in unserem Rückblick gleich mehrmals auf und haben uns nachhaltig die Stimmung versaut. Aber bevor es hier schon wieder um Blaues, Braunes und Böses geht, gibt’s erst mal ein wenig seichte Unterhaltung: der Wahlkampf von Christian Lindner, freundlich lächelnd seziert von Silvia Silko. 
Geschrieben am
Es hat fünf Millionen Euro und die Berliner Agentur Heimat gebraucht, um aus Christian Lindner den Posterboy des Wahlkampfs 2017 zu machen. Mit Entschlossenheit, kernigem Dreitagebart und einem Gesicht, das die schnittigere Version eines Florian Silbereisen sein könnte, tut er auf den Plakaten Dinge, die vor Kompetenz nur so strotzen sollen: melancholisch nach unten schauen, sich die Jacke anziehen oder einen Stift halten. Dabei setzt die FDP auf Hipness gegen den Staub der eingerosteten Fat Cats der aktuellen Politiklandschaft: Frischer Wind mit freshem Lindner! Herausgekommen ist eine Kampagne, wie sie ein Instagram-Influencer nicht besser hätte machen können: mit Filter, ohne Inhalte.

Klar wurde um den schicken Lindner auch ein bisschen Text drapiert – gehört sich ja so. Aber über die Diskussion, welche Schriftart dem FDP-Popstar am besten stehen würde, scheint man nicht hinausgekommen zu sein. Wir lernen: Schulden und Verbrecher sind doof, Bildung und Sicherheit sind gut. Alle anderen Parteien sind auch doof, und wenn sie mal gute Ideen haben, dann sind diese ursprünglich von der FDP. 
Am Ende durften Lindner und seine Mitstreiter und Mitstreiterinnen getreu ihrem Kampagnen-Hashtag #denkenwirneu tatsächlich eine Neuerung feiern: Nach ihrer 2013er-Schlappe sind sie wieder im Bundestag vertreten, mit einem stattlichen Wahlergebnis von 10,7 %. Schöne Bilder ohne Aussage scheinen hierzulande zu wirken – ähnlich wie stumpfe Tweets in Amerika. Ein bisschen traurig macht einen das schon, lässt aber auch darauf hoffen, dass sich die nächste SPD-Kampagne an Snapchat orientiert oder die der CDU an musical.ly – Martin Schulz als Waldfee oder Angela Merkel beim Singen von »I Will Survive« klingen Erfolg versprechend – jedem Politiker sein Medium. 

Ihren Höhepunkt erreicht die FDP-Kampagne übrigens mit dem Abdrucken des gesamten Wahlprogramms auf einem ihrer Plakate. Zu klein zum Lesen ergeben die Buchstaben lediglich ein nettes Muster. Bezeichnend, dass die zentrale Funktion des Programms nur Deko ist. Aber gut: Ihren Vorsitzenden setzt die FDP ja genauso ein. 

Und wer weiß: Vielleicht dürfen wir uns ja bald auf neue Wahlkampfmotive freuen, denn nach dem Jamaika-Aus durch Lindners Abgang ist ja gerade alles offen. Und mit »Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren« hat seine Agentur ihm ja schon gleich den ersten Wahlslogan in den Mund gelegt, sollte es zu Neuwahlen kommen.