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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Besuch bei THC-Pharm

Cannabis auf Rezept

Im Januar forderte die Partei Die Linke eine Legalisierung des geregelten Cannabis-Anbaus für den Eigenbedarf. Während sie dabei vor allem ein hedonistisch motiviertes Klientel im Blick gehabt haben dürfte, haben kranke Konsumenten ganz andere Probleme. Das Unternehmen THC-Pharm hat den Wirkstoff der umstrittenen Pflanze in Deutschland erstmals für diese zugänglich gemacht und hilft so gegen Depressionen, Übelkeit und Appetitlosigkeit. Ganz legal, aber unter strengen Auflagen. Philip Fassing reiste nach Frankfurt am Main, um sich ein Bild vom Laboralltag zu machen.

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Ein skeptischer Blick in meine Notizen bestätigt meine Annahme: Hier soll tatsächlich die Avantgarde der medizinischen Cannabis-Forschung ihren Sitz haben. Ich stehe an der Offenbacher Landstraße in Frankfurt, die mit ihren rauen Pflastersteinen eher einer größeren Altstadt-Gasse gleicht, und suche nach Anhaltspunkten für die medizinische Pionier-Arbeit, die hier geleistet wird. Statt Fertigungshallen, Laborkomplexen oder Passierkontrollen umgibt einen aber lediglich das unaufgeregte Vorort-Ambiente des südöstlich gelegenen Stadtteils Oberrad. Über einen Hinterhof gelange ich schließlich in den Bürokomplex von THC-Pharm, wo mich Mitbegründer Holger Rönitz freundlich empfängt. Gewöhnlich komme er legerer zur Arbeit, heute trägt er aber, unserem Termin geschuldet, Nadelstreifen. Ohne Krawatte allerdings. Der langjährige Greenpeace-International-Sprecher ist mittlerweile seit zwölf Jahren bei THC-Pharm tätig und neugierige Journalisten gewohnt. Zuletzt stand das hessische Unternehmen im Mittelpunkt, als seine Chemiker vor etwa drei Jahren den[fotor]Wirkstoff der Modedroge Spice identifizierten – die Presse-Resonanz war enorm und reichte vom Spiegel bis zur FAZ. Bekannt ist das Unternehmen aber vor allem für seine Rezeptur-Substanz Dronabinol, dem synthetisierten und nahezu reinen Wirkstoff der Cannabis-Pflanze.

Cannabis als Statussymbol

Medizinisches Cannabis fristet in Deutschland ein Schattendasein. Die meisten Menschen ahnen, dass es so etwas gibt – assoziieren die Praxis aber eher mit popkulturellen Mythen angloamerikanischer Prägung. Nach denen wird gegen Vorzeigen der sogenannten Medical Card – längst Statussymbol unter US-amerikanischen Rap-Stars – ein prall gefüllter Beutel »Purple Haze«-Cannabis über die Drugstore-Theke geschoben. Die deutsche Realität sieht um einiges bürokratischer aus: »Es gibt in Deutschland etwa 50 bis 70 Menschen, die eine Einfuhr-Erlaubnis für medizinisches Marihuana aus Holland besitzen«, hatte mir Gabriele Gebhardt, Sprecherin des »Selbsthilfenetzwerk Cannabis als Medizin«, einige Tage zuvor erklärt. »Vorher muss der Patient alles andere probiert haben, was für das entsprechende Krankheitsbild in Frage kommt. Ungeachtet der möglichen Nebenwirkungen. Außerdem braucht man einen engagierten Arzt und eine Apotheke, die den Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte stellt«, fasst Gebhardt die schwierige Lage zusammen. Ich male mir aus, wie Snoop Dogg mit aufgesetzter Lesebrille komplizierte Anträge wälzen muss, bevor er sein geliebtes »Kush« (eine Klassiker-Hanfsorte) bekommt. Er würde wahrscheinlich nach fünf Minuten kapitulieren und den Jungs im Stadtpark einen Besuch abstatten.

Cannabis aus dem Labor

Holger Rönitz und ich erreichen nach einigen Minuten zu Fuß den Laborkomplex des Unternehmens, der wie die Verwaltung im Frankfurter Stadtteil Oberrad liegt. Wobei »Laborkomplex« auf den ersten Blick etwas übertrieben klingt. Der unscheinbare quaderförmige Bau im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses ähnelt vielmehr einer Hausmeister-Unterkunft oder einem zu groß geratenen Stromhäuschen. Rönitz bittet darum, auf Außenaufnahmen zu verzichten – man wolle keine unnötige Aufmerksamkeit auf die Einrichtung lenken. Wir werden mit Schutzbrillen und Kitteln ausgestattet und betreten das Labor, in dem das synthetische THC gereinigt wird, bevor es unter dem Namen Dronabinol in den Apotheken landet. Reaktions-Gefäße in allen Formen und Größen, verworrene Schlauchkonstruktionen und ausladende Stative dominieren den kleinen Raum. So unscheinbar die Einrichtung von außen wirkt, so beeindruckend kommt die Innenausstattung daher.[ad]»Der Reinigungsprozess läuft hier komplett automatisiert«, erklärt mir die Herstellungsleiterin Dr. Vera Mikat und fügt hinzu: »Der Vorgang muss lediglich überwacht werden.« Sie löst einen großen Rundkolben aus einer rotierenden Fassung und hält ihn prüfend gegen das Licht. Das Gefäß enthält etwa 1000 Gramm Dronabinol, eine Menge, mit der ungefähr 1200 Patienten über drei Monate versorgt werden könnten. Der noch leicht rötliche Inhalt wird so lange gereinigt, bis er einen exorbitanten THC-Gehalt von 98% aufweist. Rönitz veranschaulicht die Potenz des Stoffes an einem Beispiel: »Die Einstiegsdosierung liegt in der Palliativmedizin bei gerade mal 2x3 Tropfen am Tag, was etwa 5 Milligramm der Substanz entspricht.« In den USA sind bei der Behandlung mit natürlichem Cannabis bis zu 2 Gramm täglich nicht unüblich. Dieses enthält zwar je nach Qualität zwischen 100 und 400 Mg THC, von dem allerdings ein großer Teil beim Konsum schlicht weg verdampft.

Cannabis gegen die Spastik

»Ein ausschlaggebender Grund für die Firmengründung war, dass Joachim Hartinger, einer unserer Mitgesellschafter, am eigenen Leib erfuhr, dass Cannabis gegen seine Spastik hilft«, führt Holger Rönitz aus und merkt an: »Solange er aber in einem wissenschaftlichen Beruf tätig war, brauchte er etwas, das verlässlich zu dosieren ist, um einen klaren Kopf zu behalten.« So entwickelte Hartinger in der Gartenlaube, die hinter dem Hauptkomplex heute als Reinigungsraum fungiert, als Erster eine Methode, mit der sich aus dem THC-armen Nutzhanf eine hochpotente Substanz extrahieren lässt. Denn die Einfuhr und der Anbau der wirkstoffreichen weiblichen Cannabis-Pflanze ist hierzulande bis heute lediglich zu wissenschaftlichen Zwecken erlaubt.[pager]

Ich werfe neugierige Blicke durch die Fenster der Gartenlaube. Im Inneren arbeiten in weiß gehüllte und hygienisch vermummte Menschen hochkonzentriert an der letzten Reinigungsstufe von Dronabinol und registrieren nur beiläufig unsere Blicke. Betreten dürfen wir den Raum ohne eine spezielle Schulung nicht. So routiniert wie in der High-Tech-Gartenlaube konnten die Mitarbeiter von THC-Pharm allerdings nicht immer ihrer Arbeit nachgehen. »Es hat sich mittlerweile wahnsinnig viel geändert. Es gab Zeiten, in denen die Staatsanwaltschaft auch schon mal die Wohnungen unserer Mitarbeiter auf den Kopf gestellt hat«, erinnert sich Rönitz und stellt fest: »Aber das ist halt das Leid des Pioniers.« Gegenwind kam jedoch nicht immer nur aus der Politik. Im starren und profitorientierten System der pharmazeutischen Industrie ist man auch heute noch Außenseiter. Da Dronabinol eine Rezeptur-Substanz für Apotheker und kein Fertig-Arzneimittel ist, lässt sich das Medikament patentrechtlich nicht schützen. Diese Lücke macht den Stoff trotz medizinisch hohen Potenzials für größere Pharma-Konzerne uninteressant, da die Gewinnmargen weit unter den Vorstellungen der Großunternehmen liegen. »Es wird nicht immer unbedingt das bestmögliche Medikament entwickelt, sondern im Zweifel auch mal das, wofür man den besten Patentschutz erhält«, kritisiert Rönitz. Die Aussage, dass ausschließlich Fertig-Arzneimittel die größtmögliche Sicherheit für den Endanwender gewähren, hält er für eine Schutzbehauptung der Industrie. Rönitz selbst lässt sich nicht zu einer pathetischen Verklärung des Unternehmensanfangs hinreißen. Das macht ihn sympathisch, genauso wie der allgegenwärtig spürbare Idealismus des Unterfangens.

Als wir am späteren Nachmittag in das gutbürgerliche Restaurant Borussia einkehren, neigt sich die Sonne bereits tief über die Frankfurter Skyline. Während sich draußen die glänzenden Wolkenkratzer im Main spiegeln, herrscht im Inneren ein traditionelles Ambiente. Dr. Ingmar Hornke stößt zu uns und bestellt Backen vom irischen Salzwiesen-Bullen mit Kartoffelpüree. Der Anästhesiologe leitet ein ambulantes Palliativ-Team, das Patienten betreut, die nur noch eine begrenzte Lebenserwartung haben und die die verbleibende Zeit lieber in den eigenen vier Wänden verbringen möchten. »Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.« Bereits zum zweiten Mal höre ich an diesem Tag das Zitat von Cicely Saunders, die als Begründerin der modernen Hospizbewegung und Palliativ-Medizin gilt.

Hornke hat gute Erfahrungen mit Dronabinol gemacht und bei seinen Patienten in vielen Fällen eine deutliche Steigerung der Lebensqualität beobachten können. Trotzdem kommt das Cannabinoid seiner Meinung nach viel zu selten zum Einsatz: »Die Krankenkassen sind in vielen Fällen nicht dazu bereit, die Kosten zu übernehmen, obwohl es sich die Patienten oder Angehörigen selbst häufig gar nicht leisten können«, stellt Hornke fest. 500 Milligramm Dronabinol kosten den Apotheker etwa 200 Euro, für den Patienten verdoppelt sich der Preis durch die relativ aufwendige Weiterverarbeitung in der Apotheke. Einen tolerierten Eigenanbau als kostengünstige Alternative hält der Intensivmediziner trotzdem für den falschen Weg. Er könne sich zwar vorstellen, dass es Patienten gäbe, die vom Rauchen der Blüten mehr profitieren als von Dronabinol, aber aus medizinischer Perspektive fehle es an konkreten Belegen und zielgerichteten Anwendungsmöglichkeiten. Saatgut, Wachstumsbedingungen und die schwierige Dosierung seien ebenfalls problematische Faktoren. »Die Idee hat einen gewissen anarchistischen Charme vor dem Hintergrund einer sicher nicht immer patientenorientiert agierenden Pharma-Industrie«, wirft Rönitz ein und bestellt Espresso. Das Borussia hat sich inzwischen sichtlich geleert. Ich frage Rönitz zum Abschluss, wie es bei einem solch ungewöhnlichen Job denn so mit den Vorurteilen im Alltag aussehe. »Rumgewitzelt wird natürlich immer mal, aber das stört mich nicht weiter. Wenn ich Damenunterwäsche oder so was produzieren würde, wäre das ja auch nicht anders«, antwortet er. Und ergänzt, dass er andererseits auch immer wieder auf großen Respekt dafür stoße, dass man sich als kleine Patienteninitiative überhaupt in dieses Haifischbecken aus Gesetzesgebern, Pharma-Lobbyisten und Kassen-Vereinigungen gewagt habe.