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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wish you weren’t there

BDS vs. Israel

Das Jahr 2017 steht auch für eine Zuspitzung der Kritik an Israel aus der internationalen Musikszene. Galionsfiguren der Boykott-Kampagne »BDS« wie Roger Waters griffen öffentlich Radiohead und Nick Cave an, der Israel-Boykott des Labels Constellation sorgte für Aufregung. Christian Meier-Oehlke fasst zusammen.
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1985 war ein wichtiges Jahr für die Anti-Apartheid-Bewegung: Auf Initiative des Bruce-Springsteen-Gitarristen Steven van Zandt schlossen sich 49 prominente Musiker und Musikerinnen zu den Artists United Against Apartheid zusammen und veröffentlichten die Single »Sun City«, auf der sie ankündigten, unter keinen Umständen in der südafrikanischen Variante von Las Vegas aufzutreten.

32 Jahre später liegt Sun City scheinbar in Tel Aviv. Musiker wie Roger Waters und Thurston Moore fordern ihre Kollegen unablässig auf, Auftritte in der israelischen Hauptstadt abzusagen. Im Sommer 2017 war das bei Radiohead der Fall. Thom Yorke wurde von Waters scharf kritisiert, fast so, als entschiede im Gegenzug Yorke darüber, was der meinungsfreudige Pink-Floyd-Sänger zu tun und zu lassen habe. Ian Halperin beschäftigte sich bereits in dem Dokumentarfilm »Wish You Weren’t There« mit Waters’ Antisemitismus. Beifall für die Boykott-Initiative kam aber zum Beispiel auch von Filmemacher Ken Loach, der aktuell so ziemlich jeden Aufruf unterschreibt, der sich gegen Israel richtet. Waters gibt derweil keine Ruhe: Sein jüngstes Opfer ist Nick Cave – wegen dessen Ankündigung, im November zwei Konzerte in der israelischen Hauptstadt geben zu wollen. In einem offenen Brief wurde Cave aufgefordert, die Konzerte abzusagen, um damit ein Zeichen gegen den »Apartheidstaat« Israel zu setzen. Thurston Moore von Sonic Youth gehörte wieder zu den prominenten Unterzeichnern des Schreibens.
Der neuen Form des Israel-Boykotts liegt die Kampagne »Boycott, Divestment, Sanctions« (BDS) zugrunde. Eine NGO-Initiative von größtenteils pro-palästinensischen Organisationen, die 2005 aus dem Weltsozialforum in Porto Alegre hervorgegangen ist. Die Kampagne hat sich zum Ziel gesetzt, Israel nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch und kulturell zu isolieren. Den Staat Israel wohlgemerkt, nicht die Regierung Netanyahu, über deren Politik man sich ohne Zweifel gründlich streiten kann.

BDS wird insbesondere von Künstlerinnen und Künstlern aus dem englischsprachigen Raum unterstützt, etwa von Brian Eno und Naomi Klein. Kernforderungen sind der Rückzug Israels aus allen seit 1967 besetzten Gebieten sowie das Rückkehrrecht aller palästinensischen Flüchtlinge und ihrer Nachkommen. Denkt man letztere Forderung konsequent zu Ende, geht es um nichts anderes als um das Existenzrecht Israels. Kritiker werfen der seltsam anmutenden Koalition aus Hamas-Anhängern, beinharten Alt-Antiimperialisten und antizionistischen evangelischen Wuppertaler Rentnern vor, im Kern antisemitisch zu sein. Vorwürfe, die zunehmend auch bundesdeutsche Lokalpolitiker teilen, die klar Position gegen die BDS-Kampagne und deren unsägliche Warenboykott-Aktionen – in bestem Amtsdeutsch auch »Wareninspektionen« genannt – beziehen. Die Texte der Kampagne sind in ihrer absurden Feindseligkeit selbstentlarvend. Unter anderem fordert BDS den Ausschluss Israels aus der FIFA.

In die Schlagzeilen geriet BDS zuletzt aufgrund der Vorkommnisse rund um das Berliner Pop-Kultur-Festival, das aufgrund der BDS-Intervention von einigen arabischen Künstlern und der als Headliner vorgesehenen schottischen Band Young Fathers boykottiert wurde. Dass man es im Kampf gegen die Juden mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, ist mehr als eine Randnotiz. Denn im Grunde ging es um genau 500 Euro Reisekostenzuschuss, die die israelische Botschaft in Berlin einer eingeladenen israelischen Künstlerin gewähren wollte. Die BDS-Kampagne machte daraufhin marktschreierisch den Staat Israel zum Mitveranstalter des Festivals und dementierte das später nur halbherzig. Auch die Sleaford Mods wurden auf der BDS-Homepage lange Zeit unter der Rubrik »Absagen« geführt. Die nordenglischen Krawallbrüder waren aber überhaupt nicht zum Festival eingeladen, konnten also auch schlecht canceln. Ihr Manager Steve Underwood hatte eine Teilnahme an einem Panel im Rahmen des Festivals aus ganz anderen Gründen zunächst abgesagt, dies später aber revidiert.

Die Ereignisse und die breit geführte Debatte rund um  das Fest für Popkultur wirken in der Hauptstadt nach. Jüngst sagte die britische Rapperin Kate Tempest, ebenfalls BDS-Sympathisantin, ihr Konzert in der Volksbühnen-Außenstelle am Flughafen Tempelhof ab. Es habe diverse Drohungen gegen sie gegeben, sie wolle in derart vergifteter Atmosphäre nicht auftreten, hieß es.

Auch das kanadische DIY-Label Constellation hat augenscheinlich Israel als Hauptfeind ausgemacht. Die künstlerische Heimat der dystopischen Postrocker Godspeed You! Black Emperor unterstützt den Israel-Boykott bereits seit 2010 in der Initiative 500 Artists Against Israeli Apartheid. Eher zufällig kam vor einigen Monaten ans Licht, was das bedeutet: Auf den US-amerikanischen Vertriebssheets des Labels prangt der Hinweis: »No Export to Israel!«, wie der deutsche Vertrieb des Labels auf Nachfrage bestätigte. Was ein Plattenladen im multikulturellen Tel Aviv ausgerechnet mit der Politik der Regierung Netanyahu oder rechten Siedlern zu schaffen hat, bleibt das Geheimnis der Labelbetreiber Ian Illavski und Don Wilkie. Einem kulturellen Boykott haftet in jedem Fall der seltsame Geruch des bleiernen 70er/80er-Jahre-Antiimperialismus an, der die weltweiten Widersprüche auf ein kleines Land im Nahen Osten konzentriert. Aber mit dieser Fokussierung steht Constellation ja bedauerlicherweise nicht allein da.