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Wir sind einfach erwachsen geworden

Auf Wiedersehen, Neon

Seit 2003 gab es Neon, das Lebensgefühl-Magazin für Leute in den Zwanzigern. Jetzt ist Feierabend, Anfang Juni erscheint die letzte Print-Ausgabe. Julia Brummert verabschiedet sich von einem Heft, das sie durch ihre Schulzeit gebracht hat.

Geschrieben am

Wochenendeinkauf mit Mama im örtlichen Supermarkt. Es ist 2004, ich wühle mich durch das Zeitschriftenregal und kaufe meine erste Neon, das junge Magazin des Stern. Ich habe im Archiv des Hefts geschaut, um herauszufinden, welche Ausgabe das war – ich erinnere mich nur an ein schwarzes Cover – und fand #07/08 2004, das Sommerheft. Ich war 16. Was zum Kuckuck ich damals mit einer Titelgeschichte wie »Verbotene Liebe – Wieso so viele fremdgehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben« anfangen wollte, weiß ich nicht mehr so genau. Aber dass ich blitzverliebt in dieses Magazin war, daran erinnere ich mich. Diese Bildsprache! Diese Reportagen! Dieser Themenmix! Heute weiß ich, dass ich nicht die einzige war, die Neon genau dafür feierte.

Neon ähnelte dem Jetzt-Magazin der Süddeutschen, das ich nur aus dem Internet kannte (ich komme aus Norddeutschland), nur dass ich es im Prä-Smartphone-Zeitalter mit in den Zug zur Schule nehmen konnte. So wie ich mich kenne, bin ich ziemlich vielen Leuten mit Neon auf die Nerven gegangen. »Lest das! Es ist so, so gut!«

Für mich war das damals eines von vielen Toren zur großen weiten Welt. Das Magazin richtet sich an 20- bis 30-Jährige, mit 16 war ich also eigentlich zu jung. Aber oft wusste die Redaktion den richtigen Nerv zu treffen. Sie schrieb über die große Stadt, in der ich hoffte, bald zu studieren, über WGs, in denen ich hoffte, bald zu wohnen, über Ikea-Einkäufe mit dem langjährigen Partner den ich hoffte, bald zu haben. Meine Realität war das natürlich (noch) nicht. Dazu kamen Tipps zu Büchern, Musik und Filmen, die ich ebenfalls aufsog wie ein Schwamm. Ich träumte nicht nur von dem Leben, über das Neon schrieb, ich träumte auch davon, eines Tages dort Redakteurin zu werden.

Die Euphorie ließ nach ein paar Jahren deutlich nach. Weil ich dann wirklich in die große weite Welt zog – Oldenburg, Marquette (Michigan), Berlin, Köln, Berlin – und weil ich das Gefühl hatte, dass Neon mehr Fragen stellte und über sie philosophierte, statt sie zu beantworten. Diese Ich-Perspektive, die ich anfangs noch so ansprechend fand, nervte mich irgendwann. Expertinnen und Experten wurden zu Themen befragt, die sagten oft so etwas wie »kann man so machen, oder aber auch so«, dazu gab es persönliche Eindrücke der Autorin oder des Autors und am Ende fühlte ich mich nicht klüger. Der richtige Ratschlag blieb aus, als die Probleme, um die es in Neon ging, wirklich meine wurden. Die Reportagen aber waren nach wie vor gut und spannend und die vielen kleinen bunten Rubriken, die das Heft seit seinen Anfangstagen ausmachten, wussten weiterhin zu unterhalten. Aber irgendwie hatten wir uns auseinander gelebt. Noch so ein Thema, das immer mal wieder von Neon behandelt wurde.

Chefredakteurin Ruth Fend schreibt in ihren Abschiedsworten: »Viele allerdings stellten irgendwann fest: Sie sind jetzt nun mal erwachsen. Und selbst wenn sich ihre Sehnsüchte und Widersprüche damit nicht einfach auflösten, so haben sie sich doch vom Lebensgefühl ihrer Zeit mit Neon verabschiedet.« Ich habe mir heute neon.de angeschaut und mich beinahe erschrocken, als ich die Inhalte dort gesehen habe. War da nicht auch mal eine Community, die Texte schrieb? Und gab es nicht abgespeckte Varianten der lesenswerten Reportagen aus dem Magazin? Davon scheint nicht mehr so viel übrig zu sein. Aber vielleicht ist es genau das, was Fend da sehr trefflich schreibt: Wir, die Leserinnen und Leser von damals, sind zu wenige geworden. Und die heute 20-Jährigen lesen eben anders.

Wir sind dann aber doch erwachsen geworden. Irgendwann braucht man niemanden mehr, der einem das WG-Leben erklärt, weil man es durch die eigene Lebenserfahrung weiß. Oder man lebt eben nicht mehr in einer WG. Ich hoffe trotzdem, dass die heute 16-Jährigen ein Magazin, einen Blog, eine Seite oder meinetwegen auch ein Instagram-Profil finden, das sie so bereichert, wie Neon es damals für mich getan hat.

Ja, mein Abschiedstext ist ein bisschen kitschig, es hat mich eben ein wenig getroffen, dass es Neon bald nicht mehr gibt. Ich musste an meine Eltern denken, die wehmütig sagten, dass es seltsam ist, dass es in unserer Heimatstadt bald kein Karstadt-Kaufhaus mehr gibt. »Aber ihr habt da doch eh schon lange nicht mehr wirklich eingekauft!« habe ich gerufen. »Trotzdem!« lautete die Antwort. Ich habe Neon eh schon länger fast nur noch aus beruflichem Interesse gelesen oder auf langen Autofahrten zu Festivals im Sommer. »Trotzdem!« denke ich jetzt auch. Aus persönlicher Sicht passt es übrigens zufällig wie die Faust aufs Auge: Kurz bevor das letzte Neon-Heft erscheint, feiere ich meinen 30. Geburtstag.

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