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Apple nimmt sich mit Apple Music den Streamingmarkt vor

Apple Music? »Oh Ok«

Am 30. Juni wird mit Apple Music ein weiterer Streamingdienst den Markt betreten. Das Angebot wurde am Montag bei der Entwicklerkonferenz WWDC in San Francisco mit viel TamTam vorgestellt. Spotify-Chef Daniel Ek twitterte kurz darauf ein etwas baffes »Oh Ok«.
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Schade, dass Spotify-Cheffe Daniel Ek seinen Tweet wieder offline genommen hat: Er twitterte ein etwas baffes »Oh Ok«, als er erfuhr, was Apple bei der Entwicklerkonferenz WWDC in San Francisco verkündet hatte. Natürlich lag es in der Luft, dass Apple seinen Schritt auf den Streamingmarkt dort verkünden wollte, aber dass der Konzern dies dermaßen breitschulterig tun würde, hat Ek vielleicht doch überrascht.

Denn Apple Music hat seine Hausaufgaben gemacht. Zuerst will man natürlich die Machtposition von iTunes ausspielen und die iTunes-Store-Nutzer zum Streaming-Angebot locken, das in den Staaten 9,99 Dollar kosten wird. Wie schon die offizielle deutsche Pressemitteilung von Apple sagt, ist dieses Angebot mal wieder »nur einen Fingertipp entfernt«  – die damit einhergehende Kreditkartenbuchung fällt einem ja eh erst am Ende des Monats auf. Vorhergehend wird es eine dreimonatige kostenlose Testphase geben, die im Anschluss automatisch verlängert wird. Ob es eine Kündigungsfrist geben wird, ist noch nicht bekannt. Auch werden die Preise für den deutschen Markt erst in naher Zukunft kommuniziert. Ein 5 Dollar teureres Modell sieht ein Familienabo vor, bei dem bis zu sechs Familienmitglieder streamen können – was allerdings nur geht, wenn man seine Familie in die Wolke holt und und eine iCloud Familienfreigabe hat. Apple Music wird ab 30. Juni auf iPhone, iPad, iPod touch, Mac und PC verfügbar sein, im Herbst folgt die entsprechende App für Android und die Nutzung via Apple TV.

Man merkt schon an diesem Angebot, dass Apple Music die wohl komfortabelste Position hat, die man sich für so eine Markteinführung wünschen kann. Einen Sack voll Kreditkartendaten (2014 wies Apple 800 Millionen iTunes-Konten aus), Zugang zu Millionen Abspielgeräten, eine Plattform bei der alles »einen Fingertipp« entfernt liegt und eine Marktposition, bei der nicht wirklich Zugzwang herrscht, den Dienst auch gleich wirtschaftlich rentabel zu gestalten. Das Rundum-Glücklich-Paket, an dem Apple schon seit Jahren erfolgreich arbeitet, wird nun eben um das Streaming-Angebot erweitert, das die User noch mehr an Apple-Geräte und –Plattformen bindet, weil das ganze in deren Zusammenspiel eben am besten funktioniert. 

Eddy Cue, Senior Vice President Internet Software und Services von Apple, sagte zur Vorstellung in San Francisco: »Wir lieben Musik und der neue Dienst Apple Music gibt jedem Fan eine unglaubliche Erfahrung unmittelbar an die Hand. Sämtliche Möglichkeiten, wie Leute es lieben Musik zu genießen werden in einer App vereint – ein revolutionärer Streaming-Dienst, ein weltweites Live-Radio und ein spannender Weg für Fans mit Künstlern in Kontakt zu treten.«

Damit war dann vielleicht der Punkt erreicht, der Ek zu seinem »Oh. Ok.« brachte. Denn Apple Music wird zeitgleich mit Apple Music Connect und Apple Music Radio an den Start gehen und damit genau den Weg einschlagen, mit dem Spotify sich eigentlich von der Konkurrenz absetzen wollte. Auch bei Apple Music rückt man das kuratierte Musikhören in Form Playlisten und eben eines eigenen Radiosenders in den Vordergrund. Das deutete sich bereits an, als Apple der BBC den britischen Moderator Zane Lowe abwarb. Der Sender wird 24 Stunden lang in 100 Ländern senden. Mit Apple Music Connect will man dann eine weitere Brücke zwischen Künstler und Hörer bauen. In der Pressemitteilung heißt es: »Über Connect können Künstler Liedtexte, Backstage-Fotos und Videos teilen oder sogar ihren neuesten Song unmittelbar an Fans direkt von ihrem iPhone aus veröffentlichen. Fans können sämtliche Posts eines Künstlers kommentieren oder ›liken‹ und über Messages, Facebook, Twitter und E-Mail teilen. Und auf Kommentare kann der Künstler direkt dem Nutzer antworten.« Das klingt, wow, total neu.

Deshalb sollte und könnte sich der Spotify-Cheffe erst einmal beruhigen. Apple Music hat lange gewartet, hat die unruhigen Ströme des Streamingmarktes ausgesessen, nämlich die Zeiten, in denen man als Marktführer dieses noch neuen Marktes auch gleich dessen Buhmann war. Außerdem hat Spotify eine gut funktionierende und übersichtliche Plattform, während iTunes sich mit dem ein oder anderen Update sicher einige User vergrault hat. Will sagen: So eindeutig muss die Sache nicht ausgehen.

Was einem als Musikfan bei diesem Wirbel jedoch wirklich auf den Senkel geht, ist die Art und Weise, wie hier über das eigentliche Herzstück des ganzen geredet wird. Wenn Eddy Cue es »eine unglaubliche Erfahrung« nennt, dass man jetzt gestreamte Musik und einen neuen Radiosender hören kann sowie ein Backstage-Foto seines Lieblingskünstlers ansehen und liken kann, dann möchte man ihm sagen: »Danke Eddy, aber das geht schon eine Weile länger. Gerade die Sache mit dem Radio. Und die haben sogar mehr als einen Sender für 100 Länder.« Oder wenn Cue diese drei Punkte als »sämtliche Möglichkeiten, wie Leute es lieben Musik zu genießen« tituliert. Fehlt da nicht noch was, Eddy?

Auch dem in Apples Diensten stehenden Jimmy Iovine hätte man gerne die Meinung gesagt, wenn er tönt: »Apple Music wird die Plattennadel für Fans und Künstler wirklich bewegen. Online-Musik hat sich zu einem komplizierten Durcheinander an Apps, Services und Webseiten entwickelt. Apple Music vereint die besten Features, um ein Erlebnis zu schaffen, das alle Musikliebhaber zu schätzen wissen werden.« Damit spricht er zwar ein großes Plus seines Arbeitgebers an, andererseits ist genau das auch dessen Manko, denn vielleicht mag es ja der ein oder andere, wenn er aus einem quirligen »Durcheinander« wählen kann. Und, hey Jimmy, »an der Plattennadel« seid ihr noch lange nicht dran.

Dennoch: Apple Music wird ein Hit werden, ein »Wendepunkt« wie Sony-Chef Doug Morris schon am Wochenende sagte. Für Kunden wie uns ist es ein weiteres, ein komfortables, ein günstiges Angebot, bei dem es sich eigentlich kein großer oder kleiner Labelplayer erlauben kann, nicht vertreten zu sein. Bleibt zu hoffen, dass die Musiker bei alldem auch ihren fairen Teil bekommen, denn das war ja schon immer das große Probleme an diesem wilden Strom namens Streamingmarkt.

Die Keynote so wie alle weiteren Infos gibt es hier.