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»Wir müssen wachsam bleiben«

Andi Zeisler über Feminismus und Donald Trump

Ende April ist Donald Trump seit 100 Tagen Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Julia Brummert hat mit der Autorin, Feministin und Chefredakteurin des US-amerikanischen Bitch Magazine Andi Zeisler über ihre Arbeit, den neuen US-Präsidenten und feministischen Protest gesprochen. Ein paar Tipps gegen Hoffnungslosigkeit hat sie ebenfalls parat.
Geschrieben am
Interview:
Julia Brummert
Illustration:
Alexandra Ruppert
Als im November klar war, dass Donald Trump die Wahl gewonnen hat und US-Präsident wird, was hast du da gefühlt?
Horror. Traurigkeit. Angst. Enttäuschung.

Was war die größte Sorge, die du in Anbetracht seiner Präsidentschaft hattest?
Ich habe so viele Sorgen, dass ich gar nicht sagen kann, welche die Größte ist! Aber eine große Sorge ist vor allem, dass er Raum geschaffen hat für sehr viel Hass gegen jede Person, die kein weißer Mann ist. Er hat Nazis, Rassisten, Misogynie und Xenophobie gestärkt. Da fehlt es völlig an Zurechnungsfähigkeit.

Hat sich für dich persönlich als feministische Journalistin und Autorin etwas geändert? Wie ist die Stimmung in der Redaktion vom Bitch Magazine?
Es ist frustrierend, dass so viel wertvolle Zeit dafür drauf geht, der Dummheit entgegenzutreten, die Trumps Präsidentschaft in den Alltag der Politik, Kultur und Sprache gebracht hat. Jede Minute, die wir darauf verwenden, die Falschheit und Gefahren seiner Statements herauszustellen, ist eine Minute, die wir nicht haben, um die feministische Bewegung voranzubringen. Was Zeit und Energie angeht, gibt es nichts, das sich derzeit produktiv anfühlt. Das gilt aber nicht nur für Bitch, sondern auch für den Rest der Medienlandschaft.

100 Tage sind jetzt fast um. Was sind die größten Veränderungen, die du während dieser Zeit gespürt hast. Gab es große Überraschungen?
Eigentlich gibt es nichts, das ich nicht erwartet hätte. Aber es war unendlich frustrierend zu sehen, dass so viele Mainstream-Medien die negativen Auswirkungen von Trumps Präsidentschaft legitimiert haben. Es gibt da zum Beispiel die Idee, dass die Alt-Right-Ideologie schlicht eine andere Meinung sei, statt eine nachweislich böse Ideologie des Hasses – was sie ja tatsächlich nachweislich ist. Gleichzeitig gibt es viele Medien, die sich bereit erklären, falsche Nachrichten zu veröffentlichen, die sich positiv auf ihre Verkäufe auswirken. 
Barack Obamas Präsidentschaft wird im Vergleich immer sehr idealisiert dargestellt. Wie siehst du das, hat er wirklich so viel Positives mit seiner Politik bewirkt? 
Obama wird definitiv als einer der großen amerikanischen Präsidenten in die Geschichte eingehen. Einen Präsidenten, der wirklich jeden Menschen zu jeder Zeit glücklich machen kann, gibt es nicht. Man muss sich aber immer wieder ins Gedächtnis rufen, was Obama – insbesondere mit der Gesundheitsreform und im Klimaschutz – bewirkt hat, auch trotz des historisch betrachtet massiven Gegenwinds durch die Republikaner.

Was wäre heute anders, hätte Hillary Clinton die US-Wahlen im vergangenen Jahr gewonnen?
Die USA hätten eine Präsidentin, die weiß, wie man regiert. Und, was viel wichtiger ist, die Interesse an der Regierung und an Politik hat. Donald Trump wollte nie Präsident werden, er wollte einfach gewinnen.

Ich habe das Gefühl, dass der Frauenhass im vergangenen Jahr deutlich zugenommen hat, wie siehst du das?
Wenn man schaut, wie und wo er in der Öffentlichkeit ausgedrückt wird: ja.

Und wie beurteilen du und dein Team diesen großen feministischen Aufschrei, der jetzt nach den Wahlen aufgekommen ist?
Wir sind hauptsächlich froh, dass die Menschen realisieren, dass Feminismus noch immer ein unfertiges Projekt ist, das sich im Wandel befindet. Aber es ist deprimierend, dass so viele Menschen, insbesondere Frauen, jetzt erst bemerkt haben, dass die Dinge, die einen Einfluss auf das Leben von Frauen haben, uns alle betreffen – Männer ebenso wie Frauen. Der Fakt, dass 53 Prozent der weißen Frauen für Trump gestimmt haben, ist inakzeptabel. Viele von ihnen begreifen erst jetzt, dass eine Stimme für ihn eine Stimme gegen sich selbst und die Interessen ihrer Familien und ihrer Zukunft war.

Nicht nur für die USA herrschen gerade harte Zeiten, auch in anderen Ländern werden die rechten Parteien immer beliebter. Wie viel bekommt ihr davon in den USA mit? 
Man bemerkt das wie gesagt vor allem durch die zunehmende Frauen- und Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und so weiter. Viele Menschen glauben, dass sie mit ihrer Meinung nicht mehr hinter dem Berg halten müssen, weil diese rechten Anführer so prominent geworden sind. 

Wie stehen unsere Chancen, gegen sie anzukommen?
Sich gegen diese Art von politischen Oberhäuptern aufzulehnen, hat doch bereits positive Ergebnisse gebracht: Trumps »Muslim-Ban« und auch sein »Healthcare Plan« sind vorerst gescheitert, Geert Wilders hat die Wahl in den Niederlanden nicht gewonnen, Norbert Hofer in Österreich auch nicht. Wenn die Menschen beginnen, sich klar zu machen, dass der Aufschwung rechter Bewegungen das Ergebnis von Angst und Besorgnis ist, können wir unsere Positionen stärken. Wir dürfen uns nur nicht der Selbstgefälligkeit hingeben und müssen wachsam bleiben. Das kann die Menschen aufrütteln. 

Dieser Plakat-Slogan »I can’t believe I still have to protest this shit« kommt mir jeden Tag aufs Neue in den Sinn. Man wird als Feministin heutzutage ganz schön müde. Hast du einen Tipp, um motiviert zu bleiben?
Nicht alle von uns sind AktivistInnen, aber alle können ihre persönlichen Fähigkeiten einsetzen. Ich denke, es ist wichtig, neu zu definieren, wie Aktivismus aussehen kann. Viele Menschen wollen aktiv werden, sind aber besorgt, dass dieses Engagement zu einem Vollzeitjob ausartet. Wir müssen dem Aktivismus das Mystische nehmen, um den Schwung zu bewahren.
Kürzlich ist Andi Zeislers sehr lesenswertes Buch »Wir waren doch mal Feministinnen« im Rotpunkt-Verlag auf Deutsch erschienen. Darin wirft sie einen kritischen Blick darauf, wie der Kapitalismus sich den Feminismus zu eigen gemacht hat und wie aus der politischen Bewegung vor allem in den letzten Jahren ein hipper Trend geworden ist.

Andi Zeisler

Wir waren doch mal Feministinnen: Vom Riot Grrrl zum Covergirl - Der Ausverkauf einer politischen Bewegung

Release: 25.02.2017