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Kratzen & Beißen #252

Alena Struzh gegen die Auswahl

Immer muss man sich entscheiden müssen. Jeden Tag aufs Neue. Was essen? Was kaufen? Wen hassen? Was lieben? Kann man nicht auch einfach mal nicht wissen, was man gerade will? Das alles fragt sich Alena Struzh und hat sich nach langen Überlegungen immerhin dafür entschieden, gegen die Auswahl aufzumucken.
Geschrieben am
Jeden Tag muss ich aufgrund der Auswahl, die mir als privilegierter Mensch zusteht, mehrere existenzielle Krisen bewältigen. Es beginnt morgens beim Bäcker, wenn ich nicht in zehn Sekunden zwischen den zig verschiedenen Teigwaren – herzhaft, süß, belegt, scheinbar gesund, bald auch mit oder ohne Gluten – wählen kann und gereizt den Laden ohne Frühstück verlasse. Im Büro bringt mich die Frage des Chefredakteurs, ob ich denn gern eine Hasstirade schreiben möchte, in Verzweiflung. Natürlich will ich, aber ich muss erst zwischen meinem Hass auf Schnittblumen, auf mein Alter oder das Image von AnnenMayKantereit entscheiden. Oder im Supermarkt, wenn ich nicht die beste der 30 Pestosorten bestimmen kann, lange im Supermarkt herumwandere und mich dann noch mehr ärgere, weil es gesellschaftlich nicht akzeptabel ist, als Individuum mehr als eine Stunde lang durch den Supermarkt zu streunen. Meine Wut wächst dabei: Warum braucht unsere Gesellschaft, so wunderbar vielfältig sie auch ist, hunderte Modemarken, die trotz Unterschieden in Preis, angeblich Qualität und Fairness doch alle in den gleichen ostasiatischen Fabriken hergestellt werden? Die letzte Krise lebe ich aus, wenn ich mich abends trotz diverser Ausgangsmöglichkeiten doch lieber frustriert ins Bett lege.

Wie soll man sich für etwas entscheiden, wenn das Angebot kontinuierlich wächst? Es geht immer weiter: überforderte heulende Kinder in der Spielzeugabteilung, Shopping Malls, Netflix, Verabredungen, die sich überschneiden, welche Musik höre ich heute auf der Bahnfahrt? Ich entwickle aufgrund dieses Wahl-Zwangs einen Selbsthass genauso wie einen Groll auf die Gesellschaft, Supermärkte und den Kapitalismus. Jetzt kann ich noch mehr Hasstexte schreiben. Was ich aber am meisten verachte, weiß ich immer noch nicht. Na toll.