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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wir müssen reden …

25 Jahre Musikjournalismus

Die technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in der Popkultur der letzten 25 Jahre haben Spuren hinterlassen – natürlich auch im Musikjournalismus. Magazine kamen, gingen und blieben, junge Blogs nahmen sich des Themas an und dank Facebook und Co. legten die Künstlerinnen und Künstler eine Art Standleitung zu ihren Fans. Carsten Schumacher – langjähriges Mitglied des Intro-Teams, Festivalguide-Chefredakteur, Ex-Fanzine-Gründer und Ex-Visions-Chefredakteur – fragt sich, was das alles für die Profession bedeutet und wie sich Musikjournalismus auch in schnelllebigen Zeiten behaupten kann. 
Geschrieben am
1991 war die Welt noch neu für Intro – und Intro für die Welt. Musikjournalismus gab es schon, keine Frage, allerdings in etwas anderer Form. Da Jugendkultur sich ständig wandelt und abgrenzt, war natürlich auch die textliche Form davon nicht ausgenommen. Und so öffnete sich damals eine Nische, die Platz für neuen Musikjournalismus machte. Die Gegenkultur war bereit, die Szeneabgrenzungen der 80er-Jahre wurden weich, ein neuer Sound schwappte über den Atlantik und das junge Intro-Team lechzte nach Abenteuern.  

Die Welt der Spinner

»Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn«, sagte mal ein schlauer Kopf. Welcher, war 1991 nicht so schnell rauszubekommen, denn Internet und Suchmaschinen waren noch Science Fiction. Aber schaut man durch die Ausgaben der Anfangstage und damit in die Gehirne der jungen Intros, liest man sich durch die Welt von Spinnern. Beseelte Spinner auf der Suche nach einem neuen, besseren Land in der Musik, einem Ou Topos oder auch Utopia. Denn darin einen sich Musikjournalisten und die von ihnen begleiteten Bands: Sie sind auf der Suche nach einer Welt, die es (noch) nicht gibt. Unzufriedenheit mit dem Status Quo steht bei ihnen am Anfang, daraus erwachsen dann Dinge wie Haltung, Wut oder kreative Dringlichkeit beziehungsweise dringliche Kreativität – und die steckt an. Die Spinner braucht es, um all das in Zusammenhänge zu bringen, um es zu begleiten und zu verteilen. Spinnerinnen und Spinner, die sich tief in all das hineinversetzen, die zuhören, diskutieren, verarbeiten, schreiben. 

Das alles war natürlich subjektiv verfasst, der Leser denkt ja wie gesagt mit fremdem Gehirn. Manche Leser erwarteten einfach eine banale Vermittlung von Informationen, wollten wissen, welche Platten wann erschienen, wie sie klangen, wann Konzerte waren und was die Künstler zu sagen hatten. Doch sie bekamen noch viel mehr. Alles war versponnen mit Querverweisen, Deutungen, Zusätzen, Kontextualisierungen und Geschichten aus dem eigenem Erleben. Eine Kulturtechnik, mit der sich unerfahrenere Musikfans neue Sounds, neue Bands und neue Welten erschließen konnten – und das sogar am Weg des Geldes, an der Welt der Charts vorbei. Das hier war nachhaltiger als man in der Major-Musikindustrie dachte. Dort raunten sich die Manager zu, einzig die Bravo könne Verkäufe überhaupt beeinflussen, was wie so manches Mal zu kurz gegriffen war.

Ohrensessel versus Speedboot  

Die Hobby-Spinner wurden zu professionellen Spinnern. Sie konnten Platten lange vor ihrem Erscheinungsdatum hören, bis sie sich im Klaren waren, ob es sich dabei um aufgeblasenen Quatsch handelte oder nach mehrfachem Hören zu Lieblingsstücken der eigenen Sammlung entwickelte. Das waren die Grower – und Grower waren schon immer die besten Alben.   Technisch war Musikjournalismus allerdings noch eine sehr haarige Angelegenheit. Schon mal versucht, einen wild umhervagabundierenden Künstler oder Musikjournalisten ohne Handy zu erreichen? Layouts auf einer 3,5”-Diskette zu speichern? Jedes Foto musste umständlich erst entwickelt und dann eingescannt werden. Alben wurden ausschließlich mit der Post verschickt. Bei all der angenehmen Nostalgie: Vieles war früher einfach auch scheiße.  

2016/17 ist dagegen ein Speedboot. Die Musik flutscht als Stream oder Download samt Bandbiografie ins Mailfach, Fotos und Layouts werden auf Servern gespeichert und sind von überall abrufbar. Die Ideen sind nicht weniger geworden, die Unzufriedenheit besteht auch noch, und sich vor Erreichbarkeit zu drücken ist quasi unmöglich geworden. Sicher, es gibt kaum noch Fanzines, aus denen neue Musikmagazine erwachsen könnten, stattdessen gibt es heute Blogs. Der Sound, über den Intro schreibt, ist in irgendeiner Form schon abrufbar, digital natürlich. Man muss meistens nicht mal bezahlen, hört rein, entscheidet und bildet sich schnell eine eigene Meinung.   CDs werden sehr viel weniger als früher verkauft – vor allem gibt es keine neuen Datenträger, mit der sich die ehemals als Plattenindustrie subsummierten Labels eine goldene Nase verdienen könnten wie damals beim Sprung von Schallplatte auf CD. Wer die alte Metallica-CD auf dem neuen Gerät abspielen will, klopft sie sich einfach digital klein oder streamt direkt. Von ehemals fünf Major-Firmen existieren noch drei und mit EFA ging in der Zwischenzeit auch ein großer Indie-Vertrieb zugrunde.
 

Zusammenbruch der Filtersysteme

»The Gatekeepers are gone!«, hatte Billy Bragg in den Zeiten des Wandels auf der Popkomm gerufen. Mittlerweile gibt es auch die Popkomm nicht mehr. Aber die meinte er mit seiner Aussage gar nicht, sondern den Zusammenbruch der Musikwirtschaft. Damit zeigte er sich genauso blauäugig wie Herbert Grönemeyer in seiner Prognose, die Nutzer von Tauschbörsen würden am Ende genauso viel Musik kaufen wie früher, nur eben überlegter. Die »Gatekeeper« waren Filtersysteme wie Labels, Vertriebe und auch Musikjournalisten. Durch das Aufkommen des digitalen Vertriebsnetzes Internet und der begleitenden Omnipräsenz jeder Form von Musik wurden sie tatsächlich überrundet. »So viel Musik war nie«, hatte Intro mal geschrieben. Und genau so ist es. Die Produktionsmittel für Aufnahmen sind billig wie nie, die Veröffentlichungen können über Nacht erfolgen – und zwar zeitgleich auf der ganzen Welt. Vor allem Superstars machen davon Gebrauch. Keine Ankündigung, kein Vorabhören, sondern ein Bäm! und sie behalten die volle Kontrolle. Keine schlechten Kritiken, kein Leak, kein Gerede, sondern ein einfaches »out now!«.
Und der Musikjournalismus? Ist auf verschiedensten Social-Media-Kanälen unterwegs oder produziert Bewegtbild oder versucht eben noch einzufangen, was von der letzten Über-Nacht-Veröffentlichung übrig geblieben ist. Alles ist viel, alles ist schnell, alles ist einfach da. Streaming-Dienste zapfen daher schon den Musikjournalismus an, damit dort von Profis gemachte Playlisten entstehen, die Zusammenhänge ins Repertoire bringen, die Tipps geben, die filtern. Aus einer Situation der ewigen und breiten bis breiigen Verfügbarkeit wird plötzlich wieder nach Filtersystemen gerufen. Kein Wunder, wer soll bei dem ganzen Überfluss und der ständigen Verfügbarkeit noch durchblicken? Aber keine Sorge: Intro filtert gern. Denn noch immer ist das unser Job und vor allem unsere Passion. Filtern ist immer auch Meinung. Und Leute, die keine Meinung zu Musik haben, sind uns suspekt.

Der Backlash  

Neben all den neuen Trends schwappen aber auch alte wieder hoch. Seit einigen Jahren schon japsen die letzten Presswerke nach Luft, weil alle wieder nach Vinyl schreien. Musik als Album hören und nicht im Shuffle-Mode. Mit antiquierten Techniken kennt man sich in der Musik aus, das Röhrenradio mag tot sein, aber die Röhrenverstärker haben immer noch sehr viele Anhänger.   Und was sagt uns die Fokussierung und Entschleunigung per Vinyl? Sie beschreibt nur circa 10 Prozent der verkauften Tonträger, sie ist nur ein Trend, aber sie ist wieder eine Form von Gegenkultur. Es geht nicht um den Retro-Kult, nicht ums Material, sondern um eine Konzentration auf die Musik und eine Form der verbindlichen Festlegung. Auf so was kommen heute eigentlich nur Spinner, denn Vinyl zu kaufen bedeutet ganz bewusst sehr viel mehr Geld für Musik zu bezahlen als man eigentlich müsste.  

Gerade in der jüngeren Vergangenheit ist der Musikjournalismus vielfach dazu übergegangen, immer mehr von früher zu erzählen, weil man der Gegenwart nicht mehr Herr wird. Hier noch mal die Geschichte von Pink Floyd, dort das letzte Geheimnis der Beatles – das ist kein Filtern mehr, das ist nicht mal vernünftiges Spinnen, höchstens Leerlauf-Spinnen im Hamsterrad der Vergangenheit. Musikjournalismus sollte eher wie die mittelalterlichen Sänger funktionieren, die die Heldentaten der aktuellen Herrscher ins Land und durch die Geschichte trugen, sie mit Mythen mischten und das Ansehen der Potentaten damit tief wurzeln ließen. Heute ginge es natürlich um die Herrscher musikalischer Ausdruckskraft, beispielsweise von Königin Kate Tempest oder König Nicolas Jaar, aber es ginge weiter darum, dass sie eben nicht flach wurzeln, beim nächsten Windhauch umfallen und schnell wieder vergessen werden. Pop ist schließlich die Welt, in der immer die Jüngeren Recht haben, weil sie weniger über ihre gemachten Erfahrungen wegsortieren, sondern mit seismografischem Gespür schneller auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Sie sind empfindlicher und das macht sie für Pop besonders interessant. Und es ist Aufgabe der Spinner, ihnen zuzuhören und sie mit lyrischer Finesse möglichst tief wurzeln zu lassen. Das war und ist unsere Spinnerei. Und die wird hoffentlich dafür sorgen, dass die schon vor langer Zeit an die Spitzen der Festival-Line-ups gekletterten Headliner, die dieses Gespinst genossen haben, endlich einmal Besuch bekommen. Besuch von neuen Headlinern, die noch nicht dort standen. Wenn wieder mal ein Riesen-Open-Air unter irgendeiner Brücke Poster kleben lässt, wäre es wünschenswert, darauf nicht schon wieder ein Line-up zu sehen, das genau so auch 1998 hätte passieren können, denn sonst stirbt Pop als Reflektor der Gegenwart.
Und niemand soll sagen, dass dieser Wunsch nach mehr, nach intensiverer Spinnerei vergeblich ist, weil niemand mehr lange Texte liest, sondern nur noch Zeit für den schnellen Spruch hat. Denn Du, liebe Leserin und lieber Leser, der Du bis hierher gelesen hast, bist das beste Beispiel dagegen. Lass uns bitte zusammen spinnen gehen, wir haben immer noch Bock und laden Dich ein in unser Gehirn!


Alle Inhalte zu #25 Jahre Intro findest du hier.