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»Die symbolische Wirkung ist erst einmal das Schlimmste«

100 Tage Donald Trump

Am 29. April 2017 ist Donald Trump seit 100 Tagen im Amt. 100 Tage, die gezeichnet sind von sehr viel Wut, vielen Aufschreien und Schockmomenten, aber auch von eindrucksvollem Protest. Julia Brummert hat mit Expertinnen und Experten gesprochen und sie Bilanz ziehen lassen zu 100 Tagen Donald Trump, Feminismus und Prostest in den USA.
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Was einst als Witz in einer »Simpsons«-Folge im Fernsehen zu sehen war, ist leider wahr geworden: Donald Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Ein weißer Mann, ein Großunternehmer, Milliardär, Kapitalist – natürlich – mit misogynen, rassistischen Ansichten, ein Mann, der die Pressefreiheit mit Füßen tritt, der sich immer wieder verhält wie ein Elefant im Porzellanladen. Seither laufen insbesondere Feministinnen und Feministen Sturm. Unter ihnen ist Andi Zeisler, Autorin und Chefredakteurin des Bitch Magazine in den USA. Als Journalistin und Feministin beobachtet Zeisler den Präsidenten Trump selbstverständlich kritisch. Auf die Frage, welche Gefühle sie nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses gehabt habe, antwortet sie knapp: »Horror. Traurigkeit. Wut. Enttäuschung.« Wenig überraschend, schaut man, was für misogyne Aussagen Trump sich im Wahlkampf geleistet hat. Wer das Bitch Magazine liest und sich die tägliche Arbeit auf der Homepage anschaut, bemerkt schnell, wie sehr der neue Präsident den Alltag der Redaktion beeinflusst. Sie sei müde, sagt Zeisler: »Es ist frustrierend, dass so viel wertvolle Zeit dafür draufgeht, der Dummheit entgegenzutreten, die Trumps Präsidentschaft in den Alltag der Politik, Kultur und Sprache gebracht hat. Jede Minute, die wir darauf verwenden, die Falschheit und Gefahren seiner Statements herauszustellen, ist eine Minute, die wir nicht haben, um die feministische Bewegung voranzubringen.«
Natürlich tut es weh, 2017 wieder für die gleichen Themen auf die Straße gehen zu müssen, wie es schon Mütter und Großmütter vor 40 Jahren getan haben. Aber auch wenn seine Frauenfeindlichkeit unfassbar ist und seine Ansichten aus der Steinzeit zu stammen scheinen, so ist er nicht der erste Präsident in den USA, der in dieser Hinsicht negativ auffällt. Das sagt zumindest Dr. Patrick Horst, der am Nordamerika-Institut der Universität Bonn unter anderem zu US-Regierungen forscht: »Was die Frauenfeindlichkeit angeht, waren George W. Bush und Bill Clinton auch keine leuchtenden Beispiele, aber Trump ist schon eine ganz außergewöhnliche Figur für die USA, wenn man ihn mit anderen Präsidenten vergleicht. Man dachte bislang, dass es nicht möglich ist, dass sich ein Politiker so benimmt und solche mit Tabus belegten Dinge von sich gibt. Auch, dass er eigentlich mit Politik rein gar nichts am Hut hat, dass er Politik verachtet, das ist schon besonders.« Auch unter Barack Obama war nicht alles perfekt, so Horst: »In gewisser Weise kann man ja schon seinen Wahlsieg gegen Hillary Clinton als Beispiel nehmen. Das könnte man auch als Zeichen sehen, dass es Frauen möglicherweise schwerer haben in der Politik. In Bezug auf das, was er in sozialpolitischer Hinsicht umsetzen wollte, denke ich aber, dass er ein nahezu vorbildhafter Präsident war.« Das sieht auch Zeisler so: »Es wird nie einen Präsidenten geben, der alle Menschen glücklich macht. Aber man sollte im Hinterkopf behalten, dass Obama sehr viele gute Dinge wie die Gesundheitsreform und Gesetze zum Klimaschutz umgesetzt hat, trotz der vielen Hindernisse, die die Republikaner ihm in den Weg gelegt haben.« 

Beruhigend ist, dass Donald Trump zumindest auf Gesetzesebene während der ersten 100 Tage noch nicht ganz so viel anrichten konnte. »Die Mühlen des Kongresses mahlen sehr langsam, und bisher sind zwei ganz kleine, symbolische Gesetze verabschiedet worden, die sogar zugunsten von Frauen in MINT-Berufen gehen«, erklärt Horst. Trumps Einreiseverbot für Menschen aus muslimischen Ländern und die Reform des Gesundheitssystems sind zwar viel diskutiert worden, bislang ist der Präsident damit aber nicht durchgekommen: »Es gibt moderatere Republikaner wie John McCain oder Lindsey Graham, die in der Außenpolitik zum Beispiel darauf achten, dass er nicht so über die Stränge schlägt. Neben dem Kongress gibt es außerdem auch die Gerichte, die bisher das Ihre tun. Sie haben Trump bei seinem ›Muslim Ban‹ und seinen anderen Ideen schon einen Strich durch die Rechnung gemacht.« Dass ein Präsident der Republikaner beispielsweise das Geld für Organisationen streiche, die Abtreibungen finanzieren, sei in der Geschichte schon üblich, so Horst. Etwas anderes beunruhigt ihn viel mehr: »Die symbolische Wirkung, die es hat, dass er Präsident ist, dass er bestimmte Themen und ein bestimmtes Verhalten gesellschaftsfähig macht, ist erst mal das Schlimmste.«
Es ist schon gruselig, dass 53 Prozent der weißen Frauen in den USA für Trump gestimmt haben. Horst versucht zu erklären: »Vielleicht, weil die Geschlechterverhältnisse in den USA im Vergleich zu Deutschland oder den meisten europäischen Ländern doch noch etwas traditioneller sind und viele vor allem weiße Frauen sein Verhalten möglicherweise nur als Kavaliersdelikte begreifen.« Umso größer ist jetzt die Angst, dass die USA bald in dystopische Zustände geraten. Bücher wie »1984« von George Orwell oder Margaret Atwoods »Report der Magd« werden derzeit wieder gut verkauft.

Auch in der Popkultur und Musik wird seit Trump von allen Seiten Protest laut. Bei Harsh Crowd beispielsweise, einer Punkrockband aus New York. Die vier Musikerinnen sind Teenager und waren Youth Ambassadors der Women’s Marches im Januar. Gitarristin Dea berichtet: »Ich mache mir zwar Sorgen darüber, was in Zukunft passiert, und die Enttäuschung ist groß, dass unser Land so einen Typen zum Präsidenten wählt, aber gleichzeitig freue ich mich, dass es hier auch so viele Menschen gibt, die sich gegen ihn auflehnen.« Die Band hat mit »Clowns« einen politischen Song über die Zustände in den USA geschrieben und ist am Rande des Sisters’ March im Januar bei einer Ausstellung aufgetreten. Die jungen Frauen sind leider noch nicht alt genug, um selbst zur Wahl zu gehen, trotzdem glauben sie daran, dass sie etwas bewirken können, sagt Schlagzeugerin Lena: »Natürlich ist es ein Nachteil, dass wir nicht direkt wählen können, aber deshalb muss sich niemand unter 18 den Mund verbieten lassen. Wir nutzen die sozialen Medien, unsere Musik, wir haben unser Amt als Youth Ambassadors genutzt, um uns mit anderen Feministinnen zu vernetzen, und waren bei den Sisters’ Marches. Man muss sich einfach Gehör verschaffen.«

Margaret Atwood schreibt in »The Handmaid’s Tale«: »Don’t let the bastards grind you down.« Auch in Europa gibt es den Rechtsruck, ein Hinwenden zu konservativen Werten. Hat die andere Seite da überhaupt eine Chance? Andi Zeisler ist zuversichtlich: »Sich gegen diese Art von politischen Oberhäuptern aufzulehnen hat doch bereits positive Ergebnisse gebracht: Trumps »Muslim-Ban« und auch sein »Healthcare Plan« sind vorerst gescheitert, Geert Wilders hat die Wahl in den Niederlanden nicht gewonnen, Norbert Hofer in Österreich auch nicht. Wenn die Menschen beginnen, sich klar zu machen, dass der Aufschwung rechter Bewegungen das Ergebnis von Angst und Besorgnis ist, können wir unsere Positionen stärken. Wir dürfen uns nur nicht der Selbstgefälligkeit hingeben und müssen wachsam bleiben. Das kann die Menschen aufrütteln.«

100 Tage Donald Trump sind um, 1262 liegen noch vor uns. Aber bei den »Simpsons« war Lisa Trumps Nachfolgerin. Ein bisschen Hoffnung bleibt also.