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Aufforderung zum Kampf

Zadie Smith über ihren Roman »Swing Time«

Zadie Smith’ neuer Roman »Swing Time« handelt von einer Freundschaft zweier Mädchen aus dem Norden Londons – und führt über New York bis nach Westafrika. Wolfgang Frömberg sprach mit der Britin über die Nähe ihrer Figuren zur eigenen Lebensgeschichte und über die Notwendigkeit, zu den Waffen einer Schriftstellerin zu greifen.
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»Die Frage ist mir noch nie gestellt worden«, sagt Zadie Smith. Kurz denkt sie über eine Antwort nach. Dieses Zögern erscheint eher untypisch für die 1975 in London geborene Schriftstellerin. Alle übrigen Aussagen beim Interview im Oktober liegen ihr offenbar bereits auf der Zunge. Zaudern ist nicht ihr Ding. Dampfgeplauder aber auch nicht. Schon als junge Künstlerin ist sie gleich richtig durchgestartet. Die Zeiten, in denen Zadie Smith permanent auf ihr kluges Debüt »Zähne zeigen« angesprochen wurde, das sie im Alter von 25 Jahren zur Bestseller-Autorin machte, sind allerdings vorbei. Mit 42 ist sie im Literaturbetrieb etabliert und als politische Stimme und Essayistin gefragt. Wir sitzen im weitläufigen Wohlfühl-Office des Verlags Kiepenheuer & Witsch am Kölner Dom und sprechen über ihren fünften Roman »Swing Time«. Die Antwort auf die erste Frage wird aber erst nach einem kleinen Exkurs nachgereicht.

Feuer im Brennpunkt

So wie Zadie Smith’ voriges Buch, »London NW«, spielt »Swing Time« in jenem Londoner Stadtteil, in dem sie aufwuchs, und ist stark autobiografisch »gefärbt«. Willesden liegt im Nordwesten der Hauptstadt, ein sozialer Brennpunkt, der allmählich und teilweise gentrifiziert wird, etwa 15 Autominuten vom Wohnkomplex Grenfell Tower entfernt, der dieses Jahr in Flammen stand. Mindestens 80 Menschen kamen bei dem Brand ums Leben. In ihren Büchern geht es immer auch um Rassismus und Klassenfragen. Beim Intro-Gespräch 2014 hatte sie noch die Vorzüge des sozialen Wohnungsbaus in England angesprochen – vermutlich meinte sie die Vorteile gegenüber den dezent abgeschirmten Häuschen der Mittelklasse und den gefestigten Burgen des Großbürgertums –, aber auch dessen Vernachlässigung angeprangert. Dieser Roman endet nun mit einem halbwegs hoffnungsvollen Blick auf einen solchen in den Himmel ragenden Kaninchenbau. Ein Stück Utopie im grauen Alltag.

Aber die Wirklichkeit ist ein Arschloch – in jenem Land, dessen Politik bis heute von Margaret Thatchers berühmtem Spruch »There’s no such thing as society« geprägt zu sein scheint. Das Grenfell-Tower-Feuer zeigte drastisch, wie schnell so ein Hochhaus zur Falle werden kann. Zadie Smith wohnt heute noch in Willesden, wenn sie aus ihrer Wahlheimat New York nach Hause kommt. Sie dürfte Leute kennen, die seit jeher in den dortigen Sozialbauten leben. Aber zurück zur ersten Frage: Wie hat es sich also angefühlt, als sie den Punkt hinter eine Geschichte setzen konnte, die ihr beim Schreiben verdammt nahegegangen sein muss? »Ich war stolz auf mich. Eine Zeitlang habe ich nicht mehr damit gerechnet, den Roman zu vollenden. Es gab niemanden, der sich für mich um die Kinder kümmern konnte. Also musste ich in der Nacht und in Zügen schreiben. Deswegen fühlte ich mich am Ende zufriedener als sonst.« Dann findet sie die endgültige Formulierung, nach der sie gesucht hat – als Erwiderung auf die Frage, die ihr noch nie gestellt worden ist: »Ich fühlte mich so, als hätte ich meine Arbeit getan.«

Ach, die Arbeit! Literaturkritiker könnten »Swing Time« in höchsten Tönen loben: »Ein literarischer Triumph über die Verklärung des sozialen Niedergangs der Arbeiterklasse als unabwendbares Schicksal.« Oder: »Ein großer Wurf, der das Trauma des Kolonialismus mit dem Trauma prekärer Arbeits- und Lebensbedingungen des 21. Jahrhunderts kurzschließt, die bis in die Popkultur reichen.« Es wäre alles goldrichtig. Doch im Grunde handelt »Swing Time« von einer Freundschaft und von den Verhältnissen, unter denen sie entsteht. Die Ich-Erzählerin und ihre Freundin Tracey sind die Heldinnen der Geschichte. Als junge Mädchen nehmen sie zusammen Tanzunterricht, checken Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus. Adoleszenz-Essentials. Tracey hat eine weiße Mutter und einen schwarzen Vater, in der anderen Familie ist es umgekehrt. Doch nicht nur wegen der Hautfarbe sitzen die Girls bei der gesellschaftlichen »Reise nach Jerusalem«, die man gemeinhin das Leben nennt, zwischen den Stühlen. Jede Nuance ihrer Sozialisation – die Temperamente ihrer Mütter, die Rollen ihrer Väter, die eigene körperliche Entwicklung – fördert die Chancenungleichheit zwischen den beiden. Ihre Freundschaft steht dauernd auf der Probe, bis nicht der Tod, sondern das Leben sie scheidet.

Das alternative Leben

Zadie Smith ist als Kind einer nach England eingewanderten Jamaikanerin und eines weißen Engländers in Willesden aufgewachsen. Dieselbe Konstellation wie bei einer der Freundinnen. Ist das nun ihr persönlichster Roman? Da wäre ja auch die Ich-Perspektive, die sie zum ersten Mal benutzt. Selbst das Geburtsjahr teilt sie mit der Ich-Erzählerin. Die ist 18, als im Fernsehen das berühmte Interview von Oprah Winfrey mit Michael Jackson läuft. Heißt: Zadie-Baujahr 75, allerdings hat sie keine Geschwister. Zadie Smith kommt dagegen aus einer kinderreichen Familie und sieht es pragmatisch: »Die Übereinstimmungen mit meinen Figuren sind bequem und zweckmäßig. Es ist für mich am einfachsten, meine persönliche Geschichte als Orientierung zu nehmen. Ich mache es fast so wie eine Schauspielerin. Wenn du eine Rolle spielst, dann nutzt du einige Aspekte deiner Persönlichkeit, stellst dir aber ›Was wäre wenn‹-Fragen. In meinem Fall: ›Was wäre, wenn ich mich mehr fürs Tanzen als fürs Schreiben interessiert hätte? Was, wenn ich als Einzelkind aufgewachsen wäre – und gearbeitet hätte, statt aufs College zu gehen?‹ Man spielt ein alternatives Leben durch. Das ist der Impuls dahinter.«   

Und die Wirklichkeit gibt noch mehr Impulse: »Als jamaikanisches Kind im London der 1970er-Jahre war es unmöglich zu ignorieren, wie kaputt die Familien unserer Gemeinschaft waren. Die einen waren vaterlos, andere gewalttätig. Damals wusste ich nicht, warum. Aber als ich später Bücher über die Geschichte Jamaikas las, wurde mir einiges klar. Es ist wie die Antwort auf die Frage: ›Warum verhält sich dieses misshandelte Kind so?‹« Neben der selbst erlebten postkolonialen Gebrochenheit vieler Familien in Willesden flicht Zadie Smith jedoch weitere Aspekte in die – alles andere als eindimensionale – Handlung ein: Die schwarze Mutter will als Bürgerrechtlerin und Feministin ihre Tochter nicht zum Frausein erziehen, weshalb sie deren Tanzstunden auch als unsinnig empfindet. Der Vater ist eher der fürsorgliche Typ, wirkt gegen seine Gemahlin aber recht blass. Traceys weiße Mutter fördert dagegen das Tanztalent ihrer Tochter, und der Vater sitzt im Knast. Tracey wird dann zwar tatsächlich Künstlerin, aber eine brotlose, während die Ich-Erzählerin im Kulturbetrieb Karriere macht, als persönliche Assistentin des australischen Popstars Aimée. Diese Aimée erinnert mal an Kylie, mal an Madonna, vor allem aber an eine selbstherrliche Chefin.


Wut und Traurigkeit

Der Romantitel »Swing Time« stand fest, bevor der gleichnamige Film aus dem Jahr 1936 mit Fred Astaire und Ginger Rogers in Zadie Smith’ Überlegungen auftauchte. Ein Musical, in dem Astaire in einer Szene mit rassistischem Blackface als Hommage an Bojangles steppt. »Ich liebe Fred Astaire und Ginger Rogers, aber dieser Film gehört nicht zu ihren besseren«, so Smith. »Swing Time« passt jedoch in mehrfacher Hinsicht: Wie auf einer Schaukel schwingt die Ich-Erzählerin in der Zeit vor und zurück, während sie vom Anfang und Ende ihrer Freundschaft zu Tracey erzählt. War es nicht traurig, beim Schreiben zusehen zu müssen, dass die Wege der Freundinnen auseinanderdriften? »Ich habe ihre Geschichte gerne aufgeschrieben, aber es macht mich immer traurig, wenn ich an verschwendetes Potenzial und Chancenungleichheit denke – in der englischen Arbeiterklasse oder in ganz Westafrika. Der Punkt ist: Wenn man weiß, dass jene Schulen, die von der Kultur der Mehrheit in England längst abschrieben wurden, voller talentierter, interessanter, intelligenter Kinder stecken, die nie die Möglichkeit haben werden, diese Qualitäten zu beweisen, macht es einen nicht nur traurig, sondern auch wütend. Ich versuche, diese Gefühle in meinen Text hineinzulegen.«

Der Popstar Aimée führt die Geschichte aus London über New York ins angesprochene Westafrika. Im Küstenstaat Gambia will sie den Bau einer Schule finanzieren. Durch die Groteske bekommt auch ihre persönliche Assistentin aus Willesden die Gelegenheit, einen Teil des Kontinents kennenzulernen, von dem aus ihre Vorfahren einst als Sklaven in die ganze Welt verschifft wurden. Für Zadie Smith die Möglichkeit, verschiedene Formen von Armut – britische und westafrikanische – in der Story aufeinanderprallen zu lassen. Und überhaupt: »Das Grundmotiv des Romans ist für mich, dass das afrikanische Volk durch die Sklaverei aus dem natürlichen Lauf seiner Existenz herausgerissen wurde. Als ich in Westafrika war, kam mir der kindliche Gedanke: ›Was wäre, wenn das nie passiert wäre? Dann wäre ich Afrikanerin.‹« Und so schließt sich mit dieser weiteren »Was wäre wenn«-Frage der Kreis zur »Swing Time«-Figur der jamaikanischen Mutter, die sich mit der Geschichte Afrikas auseinandersetzt und Politikerin wird. Die zweifache Mutter Zadie Smith leidet als Exil-Britin unter Trump und May, und auch die »13 Prozent Nazi-Germany« lassen sie beim Besuch in Deutschland nicht kalt. Selbst zieht es sie aber nicht in die Politik, dafür wird ihre Arbeit politischer: »Die Zeiten sind extrem. Selbst Schriftsteller wie ich, die nicht über besondere politische Bildung verfügen, schreiben politische Artikel. Weil es kein unpolitisches Leben gibt. Keine Neutralität. Bevor ich hierher kam, sah ich Jimmy Kimmel – den Inbegriff des lieben und harmlosen TV-Moderators –, wie er seine Anti-Waffen-Rede hielt. Wir leben im Krieg, jeder muss kämpfen, sogar Jimmy Kimmel.«

Zadie Smith

Swing Time: Roman

Release: 17.08.2017