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Scherben. Musik, Politik Und Wirkung Der Ton Steine Scherben

Wolfgang Seidel (Hg.)

Ventil Verlag, 251 S., EUR 14,90 Eines ist "Scherben" ganz sicher nicht: ein Fanbuch. Gut so, bitte keine weiteren Verklärungen mehr. Um Ton Steine Scherben ranken sich schon genügend Mythen: DIE erste Rockband mit deutschen Texten, DIE erste deutsche Punkband, DIE erste Band mit eigenem Indie-Labe
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Ventil Verlag, 251 S., EUR 14,90

Eines ist "Scherben" ganz sicher nicht: ein Fanbuch. Gut so, bitte keine weiteren Verklärungen mehr. Um Ton Steine Scherben ranken sich schon genügend Mythen: DIE erste Rockband mit deutschen Texten, DIE erste deutsche Punkband, DIE erste Band mit eigenem Indie-Label ... Quatsch, sie waren Teil einer Jugendbewegung, andere machten in Berlin, Köln, Nürnberg in etwa das Gleiche, erzielten vielleicht nur nicht so nachhaltige Wirkung. (Oder wer kennt noch Lokomotive Kreuzberg, Floh De Cologne, Ihre Kinder?) Also: Mythen in Tüten, lasst sie platzen. Der bloße Fan wird beim Lesen des von Wolfgang Seidel (bis 1971 erster Scherben-Schlagzeuger) herausgegebenen Readers schon mal schlucken müssen. Etwa bei den Erinnerungen des Ex-Drummers, der den weiteren Weg der Scherben sehr kritisch betrachtet, vor allem den von Sänger Rio Reiser (Seidel zu Rios Soloprojekten: "Was für ein Ende für jemanden, der mal der Musik gewordene Ruf nach Freiheit war"). Abrechnungen stellt er dennoch hintenan in seinen biografischen Skizzen, die lesenswert, weil nahe am Geschehen sind. Verleger Martin Büsser beteuert zwar im Editorial, es sei "ein wesentliches Anliegen des Buches, die Ton Steine Scherben nicht zu demontieren", aber das werden sie - auch.

Etwa in Hartwig Vens Essay über die Songtexte; sein Urteil über "Der Traum Ist Aus": "an naivem Kitsch kaum noch zu übertreffen". Immer wieder stehen der Proletenkult und der positive Volksbezug der TSS in der Kritik der AutorInnen. Ersterer lässt sich wirklich nur noch aus der Lehrlingsbewegung Anfang der 1970er-Jahre erklären, aus der die Scherben - sie waren keine Studentenband - kamen. Beim zweiten Punkt wird manches überinterpretiert; auch da erschließt vieles sich aus der Zeit heraus, z. B. das Credo, ein Revolutionär müsse das Volk auf seiner Seite halten - was 68 oder RAF nicht schafften. In beidem liegt dennoch der Grund für falsche Vereinnahmungen: Rechtsrock-Bands spielen heute, wie Ralf Fischer darlegt, ohne große textliche Veränderungen TSS-Lieder nach (das Gleiche wäre aber auch mit Songs von DAF oder Slime möglich). Sieht man von einigen wenigen Ausreißern nach unten hin ab, etwa dem verschrobenen, jegliche Möglichkeit zu bewusstem Konsum ausschließenden Konsumkritik-Beitrag von Jimmy Boyle (einer Berliner Arbeitsgruppe), ist das Buch ein grandios gutes Konvolut. Seine Stärken liegen vor allem darin, dass viele AutorInnen aus verschiedenen Blickwinkeln mit verschiedenen Schwerpunkten an einem Patchwork arbeiten: ob feministische Themen in Tine Pleschs Interview mit der Ex-Scherben-Perkussionistin und späteren Carambolage- und Britta-Musikerin Britta Neander oder Aspekte, die oft übergangen werden, etwa die Flucht der Band aufs Land oder ihr Faible für Esoterik. Besonders gelungen ist der rhizomatisch theoretisierende, gleichwohl sehr persönliche Eröffnungs-Essay von Ted Gaier von den Goldenen Zitronen.