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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ist das wirklich echt?

»Wir sind jung. Wir sind stark.«

Rostock, 24. August 1992: Jugendliche Randalierer setzen im Stadtteil Lichtenhagen ein Asylbewerberheim in Brand. Der Mob applaudiert. Die Politik schaut weg. »Wir sind jung. Wir sind stark.« zeigt den Weg in diese Katastrophe. Ein bedrückend aktueller Film.
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»Morgen um diese Zeit ist Rostock ausländerfrei.« Für Sandro (David Schütter) ist die Sache klar. Seit mehreren Tagen liefern sich seine Freunde zusammen mit anderen Jugendlichen Straßenschlachten mit der Polizei. Der Hass richtet sich gegen die Flüchtlinge in dem überfüllten Asylbewerberheim. Mit Seitenscheitel und Hitler-Gruß wirkt Sandro wie ein typischer Neo-Nazi. Die anderen Jungs aus der Clique um Stefan (Jonas Nay) und Robbie (Joel Basman) sind sich ihrer politischen Gesinnung weniger sicher. Anstatt rechte Parolen zu grölen, singen sie »Die Internationale«. Und das verrutschte Hakenkreuz aus Sonnencreme wirkt mehr wie ein Dumme-Jungs-Streich als ein politisches Statement. »Bist du eigentlich links oder rechts?«, wird Stefan irgendwann von einer ehemaligen Mitschülerin mit Stachelhalsband gefragt. »Ich weiß gar nicht, was alle immer haben mit links oder rechts. Ich bin normal.« Doch normal ist für Stefan und seine Freunde nichts mehr seit der Wende. »Ich brauche keinen Traum. Ich will Sicherheit.«, erklärt einer von ihnen einem angereisten Journalisten. »Jetzt sind wir frei. Aber frei sein heißt eigentlich total allein zu sein.« Kurz darauf fliegt der erste Molotowcocktail: »Scheiß auf früher. Wir machen einfach alles kaputt.«
»Wir sind jung. Wir sind stark.« beruht auf den realen Ereignissen vom August 1992. Der Film ist kein Dokumentarfilm, aber er ist verdammt nah dran. Das liegt vor allem daran, dass er sich bei der Darstellung der Randalierer nicht mit plumpen Stereotypen zufrieden gibt, sondern ehrlich und schonungslos zeigt, wie Langeweile und Verzweiflung umschlagen, in blanken Hass. Außerdem beschränkt sich Regisseur Burhan Qurani nicht auf eine Sichtweise. »Wir sind jung. Wir sind stark.« zeigt die Ereignisse jenes Tages aus verschiedenen Perspektiven. Die Vietnamesin Lien gehört zu der Gruppe derjenigen, gegen die sich der Hass richtet. Zusammen mit ihrem Bruder und dessen schwangerer Frau wohnt Lien in dem sogenannten Sonnenblumenhaus direkt neben dem Asylbewerberheim, gegen das sich die Krawalle richten. Der Bruder möchte wieder zurück in seine Heimat. Aber für Lien ist Deutschland ihr neues Zuhause. Sie lässt sich blonde Strähnen machen, »Was soll das sein?«, fragt ihr Bruder, »Tarnfarbe?«, und spielt mit der Tochter ihrer Kollegin fangen, »Schlitzi«, ruft die ihr dabei hinterher. Dann ist da noch die Politik. Einer der verantwortlichen Kommunalpolitiker ist Stefans Vater (Devid Striesow). »Die Rostocker sind nicht ausländerfeindlich«, verkündet er auf einer Pressekonferenz. Den Glauben daran verliert er erst, als sein Sohn vor seinen Augen den ersten Molotowcocktail wirft. Der Film hat da gerade von Schwarz-Weiß zu Farbe gewechselt. Ein gelungener Kunstgriff, denn die im Schein des brennenden Hauses flackernden Aufnahmen machen es dem Zuschauer unmöglich, sich zu entziehen.

»Wir sind jung. Wir sind stark.« ist ein beeindruckender Film, der durch Pegida eine fast bedrückende Aktualität bekommen hat. »Ist das wirklich echt?«, fragt Robbie bevor er Stefan das Feuerzeug reicht. Leider schon.