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Charly Hübners Film über Feine Sahne Fischfilet

»Wildes Herz« – Keine Dauerwerbesendung

Feine Sahne Fischfilet, Monchi und das verteufelte Mecklenburg-Vorpommern. Ein Dokumentarfilm von Charly Hübner.

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Ob er schon mal eine Mülltonne geworfen habe. Dass eine so einfache Frage so stark aufgeladen sein kann! Wenn Jan Gorkow seinen Vater fragt, dieser verneint und Gorkow junior sich kurz aufschwingt zu dem Wort »Freiheit«, geht es um Haltungsfragen. Interessant ist das, weil Jan Gorkow Monchi genannt wird und Sänger von Feine Sahne Fischfilet ist. In »Wildes Herz«, einem Dokumentarfilm über die Band und ihn als Person, kommen viele solcher Haltungsfragen auf. Es geht um Musik, und es geht um Mecklenburg-Vorpommern – als Heimat oder als Zuhause. Im Regiedebüt von Schauspieler Charly Hübner, den man als Alexander Bukow kennt, Kommissar aus dem Rostocker »Polizeiruf«. Hübner stammt selbst aus Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern.

Sein Film rollt die Jugend des aufgeweckten Jungen Monchi auf, die Vergangenheit als Fußball-Ultra, dessen Herzensverein Hansa Rostock heißt. Irgendwann wurde es Monchi zu blöd. Eine Verurteilung wegen eines in Brand gesteckten Polizeiwagens änderte sein Leben: »Ich will was anderes machen, als Leuten auf die Fresse zu hauen, nur weil die von einem anderen Verein sind.« Der Film verliert sich aber nicht in einer »Vom Saulus zum Paulus«-Geschichte. Er versucht zu verstehen, wie Monchi und die Band dort ankommen konnten, wo sie heute sind: für viele Nicht-Faschisten in Ostdeutschland die Stimme der Vernunft und des Widerstands, observiert vom Verfassungsschutz.

»Wildes Herz« begleitet Feine Sahne Fischfilet in den Monaten vor der letzten Landtagswahl im nord-ost-deutschen Bundesland; einem Landstrich, der oft vergessen wird – oder verteufelt als abgehängt und verloren. Verloren an die Krise, verloren an die Nazis. Auch Feine Sahne Fischfilet waren in den Anfangstagen positive Projektionsfläche, sangen »Saufen und Ficken« – und »da stehen auch die Nazis drauf«. Mittlerweile sind sie Anlaufstelle für Linke und alle, die ihre Musik mögen. Sie organisieren Proteste und Gegenveranstaltungen. Im Film wirkt das manchmal pathetisch. Musikdokus neigen dazu, künstlerischen Ausdruck und biografische Aufarbeitung zur Dauerwerbesendung zu vermengen. Dass es hier nur stellenweise so wirkt, liegt am Protagonisten selbst. Monchi verweist auf die Zustände, die sich ändern müssen.

Für Fans der Band dürfte es unausweichlich sein, sich dem Film zu widmen. Er gewährt sehr private Einblicke, der Mitbewohner kommt zu Wort, die Exfreundin auch. Für Nicht-Fans sind es gut erträgliche 90 Minuten.

— »Wildes Herz« (D 2018; R: Charly Hübner; Neue Visionen; Kinostart: 12.04.18)

Charly Hübner

Wildes Herz [Blu-ray]

Release: 19.03.2018