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Gute Frage

»Wer hat Angst vor Sibylle Berg?«

Im Alltag entfalten der Narzissmus und die Selbstironie Sibylle Bergs ihre ganze Kraft. Ein Dokumentarfilm zeigt uns das wahre (Alien-)Gesicht der Schriftstellerin.
Geschrieben am
Bei der Autorin Sibylle Berg liegen Zynismus und Realismus nah beieinander. Kanonliteratur langweilt sie, Lärm macht ihr Angst. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Exzentrikerin des deutschsprachigen Kulturbetriebs in einem Dokumentarfilm auftauchen würde. Schließlich wurde sie von den Filmemacherinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier gefragt, ob sie Lust habe, sich von ihnen begleiten zu lassen. Unter dem Namen Böller und Brot arbeiten die zwei seit 2000 im Team, ihr bekanntestes Werk ist die Stuttgart-21-Dokumentation »Alarm am Hauptbahnhof«. In »Wer hat Angst vor Sibylle Berg?« setzen sie uns den Launen der Schriftstellerin knappe anderthalb Stunden lang erbarmungslos aus. Dabei wird man erstaunlich gut unterhalten.

Das liegt insbesondere an Bergs Humor und der klugen Dramaturgie; intime Interviews wechseln sich mit alltäglichen Eindrücken ab. Sibylle Berg wuchs in der DDR auf, verließ diese 1984 und veröffentlichte nach etlichen Absagen 1997 ihren ersten Roman. Inzwischen hat sie viele Bücher und Theaterstücke geschrieben und verfasst außerdem die Kolumne »Fragen Sie Frau Sibylle« für Spiegel Online, eine Mischung aus kuriosem Lebensratgeber und zynischem Tagebuch. 

Dieser Dokumentarfilm scheint das Tagebuch einfach weiterzuführen, von schrägen Fremdscham-Momenten auf dem L.A.-Anwesen des Millionärs James Goldstein über Drohnenbegegnungen und Theaterproben bis hin zu einem idyllischen Picknick mit Bergs Freundinnen Helene Hegemann und Katja Riemann. Falls man noch kein Berg-Verehrer ist, könnte man durch trockene Aussagen wie »Ich hasse Max Frisch« oder »Ich habe diesen Sex-Vibe nicht« zum Fan werden. Das »Alien-Gesicht«, wie Berg sich selbst gerne bezeichnet, philosophiert einmal auch über Strategien von Liebesroman-Schreibern und beleidigt dabei liebevoll die Filmemacherinnen. Man begreift, warum sie genau den Leuten gegen den Strich geht, die taub für Zwischentöne sind.
- »Wer hat Angst vor Sibylle Berg?« (D 2015; R: Wiltrud Baier, Sigrun Köhler; Kinostart 28.04.16; Zorro Film)