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»Wenn sie die Fragen stellen, können sie auch die Antworten verkraften«

Halt auf freier Strecke

Ein Gehirntumor ist Privatsache, der Tod auch. Andreas Dresens bewegender Film zeigt, wie man langsames Sterben für ein großes Publikum inszeniert und zugleich respektvoll damit umgeht.
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Am Ende, das scheint Andreas Dresens »Halt auf freier Strecke« zu sagen, kann einen nichts mehr schocken. Der Tod, zuverlässiger Quell von allerhand Ängsten und Weltreligionen, ist auch nur eine biologische Funktion. Für Filmemacher ist traditionell die metaphysische Komponente des Ablebens interessant, für Action-Regisseure und Kandidaten aus dem Horrorfach womöglich noch die Ästhetik. Nicht hier. »Halt auf freier Strecke« fühlt sich an wie eine Gebrauchsanleitung: »Wenn sie die Fragen stellen, können sie auch die Antworten verkraften«, sagt der Onkologe kurz nach der Diagnose und meint damit die Kinder des Patienten.

Als Zuschauer ist man sich nicht so sicher, was diese Antworten angeht. Kommt Verkraften vor oder nach dem Lieber-nicht-wissen-Wollen? Der Tod ist ein Tabu, und gleich ein ganzes Bündel unangenehmer Emotionen verhindert, dass man sich im Alltag damit beschäftigt. Frank Lange (Milan Peschel), der Mann mit dem Tumor, ist ein unauffälliger Mittvierziger, bis ihm mitgeteilt wird, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Ein Job bei der Post, ein Neubau am Stadtrand, eine nette Frau, zwei nette Kinder.Hört gerne Neil Young, hat’s nicht so mit Religion, feiert aber Weihnachten.

Dresens Spielfilm begleitet den Mann vom Befund bis ans Sterbebett durch jede Episode und jede Stimmung. Eine seltsame Art der Dokumentation. Früher nannte man es Sozialen Realismus, wenn man solche filmischen Mittel wählte, und am Ende konnte man meistens eine Botschaft erwarten. Doch bei aller Intensität beansprucht »Halt auf freier Strecke« sein Thema ohne Ideologie und künstliches Drama. Weder möchte der Regisseur profunde Einsichten provozieren noch romantische Ideen triggern. Es geht um ein Eingeständnis der eigenen Menschlichkeit jenseits offizieller Versionen. In der man nie etwas muss, in der man immer etwas verbergen kann. »Halt auf freier Strecke« stellt die Frage, wie Würde aussieht und was sie ausmacht.

»Halt auf freier Strecke« (D 2011; R: Andreas Dresen; D: Milan Peschel, Steffi Kühnert; Kinostart: 17.11.)