×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

UnREAL

Was ist gutes Fernsehen?

Das Behind-the-scenes-Drama »UnREAL« über die Produktion einer Dating-Show stellt die Frage, wie richtiges Fernsehen im falschen Leben funktioniert. Inzwischen zeigt Amazon Prime  die komplette erste Staffel ­und jeweils freitags eine neue Folge der zweiten Season.    
Geschrieben am
Vor einigen Wochen erregte das Neo Magazin Royale Aufmerksamkeit mit einem Fake-Kandidaten, den es bei der Sendung »Schwiegertochter gesucht« eingeschleust hatte. »Robin« und ein weiterer Darsteller, der seinen Vater mimte, brachten skandalöse Praktiken der RTL-Sendung ans Licht. Zwar hatte man annehmen müssen, dass die einsamen Söhne ihre Texte nicht spontan in die Kamera sprechen und die Kuppelshow kaum frei von Inszenierung und Manipulation ist. Aber die mit einer gehässigen Note gewürzte Moralkeule, die Böhmermann schwang, nachdem ihm dieser Coup des investigativen Journalismus geglückt war, ließ die Sozialen Netzwerke aufheulen. Schadenfreude war angesagt – und die Aussicht, auf der Empörungswelle surfen zu dürfen. Nach dem Shitstorm wurde das Produktionsteam von »Schwiegertochter gesucht« ausgetauscht, und der Mob gab Ruhe. Man fühlte sich an die Demission eines Politikers wegen persönlicher Verfehlungen erinnert. Eine Maßnahme, die die politischen Verhältnisse nicht ändert, nach der sich aber alle besser zu fühlen scheinen. Dafür stieß sich kaum einer daran, dass die Kandidaten von »Schwiegertochter gesucht« auch im Neo Magazin Royale als bemitleidenswerte Idioten hingestellt wurden. Schließlich betonte Böhmermann, RTL habe »Robin« mit den Mitteln der Trash-TV-Kunst noch blöder aussehen lassen, als man ihn selbst konzipiert hatte.  

Eine moralisierende oder arrogante Haltung gegenüber dem Trash-Fernsehen sucht man in der Serie »UnREAL« vergeblich. Dabei gewährt »UnREAL« nicht von ungefähr Einblicke hinter die Kulissen einer seit über 14 Staffeln erfolgreichen Dating-Apokalypse mit dem Titel »Everlasting«. Hinter dem Format steckt neben »Buffy the Vampire Slayer«-Produzentin Marti Noxon auch die Autorin Sarah Gertrude Shapiro. Shapiro arbeitete jahrelang für die echte US-»Bachelor«-Show. Sie schreibt aus Erfahrung, wenn sie die Zustände bei »Bachelor«-, sorry, »Everlasting« nach den Regeln bester Drehbuchschule durcheinanderwirbelt, bis den Zuschauern schwindlig wird. Hinter diesem Realness-Massaker scheint vor allem folgende Erkenntnis zu stehen: Die Fernsehwelt lässt sich kaum noch satirisch überhöhen. In Noxons und Shapiros Show in der Show über die Show gibt es deswegen weder reinen Ironie-Overkill noch puren Klischee-Sell-Out noch nackten Authentizitäts-Rumble. In »UnREAL« geht es um dumme Blondinen und muskulöse Machos, um koksende Karrierefrauen und rücksichtslose, machtgeile Produzentenarschlöcher als Marionetten und Marionettenspieler des Trash-TV. Aber in ihrer jeweiligen Rolle (sprich: Zuschreibung) kämpfen diese Figuren nicht mit der Häme ihrer Autorinnen, sondern mit dem alltäglichen Spuk der kapitalistischen Wirklichkeit – heißt: Sexismus, Rassismus und hierarchischen Arbeitsverhältnissen.  

»Roswell«-Star Shiri Appleby spielt die Hauptfigur Rachel Goldberg. Eine so kaputte und verzweifelte, verachtungswürdige wie bewundernswerte Person hat das Serienfernsehen selten gesehen. Rachels Job ist es, die Kandidatinnen von »Everlasting« in Situationen zu bringen, die sich am Schneidetisch aus dem Kontext reißen und zu Quoten bringenden Highlights aneinanderreihen lassen. Sie wäre 24/7 damit beschäftigt, die um die Gunst des »Suitors« buhlenden Frauen schlecht zu beraten, wenn sie nicht noch ein Privatleben hätte, das unter ihrem Job leiden könnte. Natürlich nimmt sie den Job mit ins Bett, in dem ihr Privatleben sich nun mal erschöpft. Gut gemeint sind Rachels Einflüsterungen am »Everlasting«-Set höchstens in Bezug auf das Credo ihrer bis in die Ellenbogen Professionalität ausstrahlenden Chefin Quinn King (Constance Zimmer). Quinn bestimmt die Regeln des »good tv«. Vor der Kamera muss geheult, gezankt, gebitcht und geküsst werden. Aber die Manipulatoren werden letztlich selbst manipuliert – von der nachvollziehbaren Überzeugung, sich in ihrem Scheißalltag beweisen zu müssen. Der Kampf Jeder gegen Jeden, den sie vorleben – und in dem ein erhobener Zeigefinger wie schon in der Schule höchstens dazu dient, auf sich aufmerksam zu machen –, ist allen Charakteren auch eine innere Dramedy. Letztlich wissen sie einfach nicht, was besser für sie sein sollte als »Everlasting«.  

Als Zuschauer ertappt man sich am Ende der ersten zehn Folgen dabei, dass man wissen möchte, wie die Trash- und Smalltalk-Orgie ausgeht. Und wie es bei »UnREAL« weiter geht. Noxon und Shapiro sorgen in Season 2 für noch mehr Komplexität. Sie zurren den Schraubstock der Verhältnisse enger, in dem Rachel, Quinn und die anderen stecken, während sie ein paar weitere Schrauben in den Oberstübchen des Ensembles lockern. In der 15. Staffel von »Everlasting« präsentiert Quinn den ersten afroamerikanischen Junggesellen der Showhistorie (und kommt damit dem »Bachelor« zuvor). Rachel castet eine junge Bürgerrechtlerin und eine Unschuld vom Lande, die auf ihren Bewerbungsfotos im Bikini mit Konföderiertenflaggenmuster posiert. Zudem ist der Machtkampf zwischen Quinn und ihrem Ex Chet Wilton (Craig Bierko) voll entbrannt. Chet zehrt seit jeher davon, dass er Quinns Ideen für seine eigenen ausgibt. Diese Zeiten sind jetzt vorbei, also versucht er bessere Einfälle zu haben als Quinn. Chets Ringen um seine Position als kluger Kopf ist der aussichtsloseste Kampf, der in »UnREAL« geführt wird. Die Haltung der Autorinnen kommt in diesem Fall recht eindeutig rüber – der Obermacker darf sich als bemitleidenswerter Idiot präsentieren. Bei aller Ambivalenz: Allein diese Spitze macht die Serie zu etwas, das in Deutschland sowohl bei den privaten als auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern rar ist: Sie ist verdammt gutes Fernsehen.

Unreal: Season 1 [DVD + Digital]

Release: 21.06.2016