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Ein Nachbericht

Von Stofftieren und anderen Zuständen

Thomas Venker hat sich gen Süden auf die Reise gemacht und in drei aktuelle Ausstellungen geschaut. Das hier sind einige kurze Gedanken und jede Menge Bilder zu den Ausstellungen von Cosima von Bonin („The Fatigue Empire“), Rosemarie Trockel („Spiral Betty“) und
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Thomas Venker hat sich gen Süden auf die Reise gemacht und in drei aktuelle Ausstellungen geschaut. Das hier sind einige kurze Gedanken und jede Menge Bilder zu den Ausstellungen von Cosima von Bonin („The Fatigue Empire“), Rosemarie Trockel („Spiral Betty“) und Rodney Graham („Through The Forest“).
 
Cosima von Bonin ist bekennende Faulenzerin. Statt sich dem Powersystem Neoliberalismus zu ergeben, beharrt sie lieber auf die Bockigkeit des guten 77er-Art-Punks. Ein Statement, das an sich schon so toll ist, dass man es sich als Halskette umhängen möchte. Wenn sie aber aktiv ist zwischen den Phasen der Behäbigkeit, dann mit aller Dringlichkeit. Bei dieser ist mit dem „The Fatigue Empire“ wohl genau deshalb eine Hommage an ihre Off-Phasen herausgekommen, da diese eben gar keine echten Offs sind, sondern die Notwendigkeit um überhaupt interessante Gedanken zustande zu bringen. Kreativität funktioniert nun mal nicht am Fordschen Fabrikband.



Im dafür exzellent geeigneten Kunsthaus Bregenz bespielt die Kölnerin derzeit gleich drei Stockwerke. Es ist eine Welt der gebrochenen Niedlichkeit, die uns von Bonin schenkt. Dem affirmativen Touch der hochdimensionierten Stofftiere und Installationsarbeiten sowie der Patchwork-Bilder haftet eine subtile Nachdenklichkeit an: Selbstzweifel, Überforderung, Regeln, Medienübergriff. Gestützt werden diese Entwürfe von den Sounds von Moritz von Oswald, die den Geist seiner Hauptprojekte Basic Channel und Rythm & Sound atmen, was nichts anderes heißt, als dass sie Detroit und Kingstone in Klang und Soziopolitik repräsentieren und somit zugleich profuturistisch als auch melancholisch-taumelnd klingen. Von Oswald prägt hier einen Raumklang, der, das Ausstellungsmotiv aufgreifend, zugleich Soundtrack zum Niederlegen als auch nervöses Kribbeln in den Gliedern ist– wobei die Musik teilweise nicht nur aus bereitliegenden Kopfhörern kommt, sondern aus auf das jeweilige Objekt ausgerichteten Speziallautsprechern, was den Effekt des Eintauchens ins Empire sehr spannend stützt. Von Bonin und von Oswald ist eine wunderbare Ausstellung gelungen. Zur Feier gab es am vergangenen Freitag ein angemessen tolles Konzert des Moritz von Oswald Trios in Dornbirn bei Bregenz.



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Thomas Venker hat sich gen Süden auf die Reise gemacht und in drei aktuelle Ausstellungen geschaut. Das hier sind einige kurze Gedanken und jede Menge Bilder zu den Ausstellungen von Cosima von Bonin („The Fatigue Empire“), Rosemarie Trockel („Spiral Betty“) und Rodney Graham („Through The Forest“).

Weniger knallig, aber nicht minder substantiell präsentiert sich Rosemarie Trockel derzeit in Basel im Kunstmuseum. Statt der großen Strickbilder und Video- und Installationsarbeiten, die man zuletzt beispielsweise noch bei der Werkschau im Kölner Museum Ludwig sehen konnte, liegt der Schwerpunkt in Basel auf Zeichnungen und Buchentwürfen. Den oft collagierten Arbeiten liegt eine größere Privatheit inne, sie wirken mehr als intimer Moment des Offenlegens von Gedanken denn als Akt der offensiven Kommunikation. Genau daraus aber erwächst ihre Größe. Und aus der Nüchternheit des Duktus bekanntlich allzu oft die größere Pointiertheit – das zeigt sich in der Ausstellung ein ums andere mal sehr nachhaltig, sei es die aufgehangene, vermenschlichte Robbe als S&M-Monument („Es gibt kein unglücklicheres Wesen unter der Sonne als einen Fetischisten, der sich nach einem Frauenschuh sehnt und mit einem ganzen Weib vorlieb nehmen muss“) oder der signalartige „No Way“ / „For new Romanticism“-Kommentar zur in Geld badenden Frau. Haltung bedarf eben nicht immer des großen Tamtams um zu wirken.



Auf der nächsten Seite: Rodney Graham...

Thomas Venker hat sich gen Süden auf die Reise gemacht und in drei aktuelle Ausstellungen geschaut. Das hier sind einige kurze Gedanken und jede Menge Bilder zu den Ausstellungen von Cosima von Bonin („The Fatigue Empire“), Rosemarie Trockel („Spiral Betty“) und Rodney Graham („Through The Forest“).

Bescheidenheit spürt man hingegen bei Rodney Graham nicht. Der Kanadier agiert geradezu großkotzig selbstbewusst. Das mag man ihm vorwerfen, genauso wie man die Teile seines Schaffens, in denen er aus dieser Haltung heraus zu selbstgefällig wird, beispielsweise bei den in Basel auch zu sehenden Picasso-Adoptionen, die zeigen sollen wie einfach das doch alles in Wahrheit ist (viel besser, da ironisiert mit Augenzwinkern und nicht besserwisserisch bringt er dies aber in einem Triptychon rüber, in dem ein Maler geradezu arrogant-performativ und umringt von Büchern zu Klassikern der Kunstgeschichte ein minimalkonzeptionelles „Actionpainting“ schafft), schnell abtun kann. Man kann sich aber auch auf seine zahlreichen lichten Momente einlassen und akzeptieren, das hier Brillanz regiert. Beispielsweise bei seiner Serie an Buchregalen, die schon lange vor dem Aufkommen der Netzproblematik die Wertschätzung des einzelnen Artefaktes zu thematisieren wusste. Oder bei der Videoarbeit „Lobbing Potatoes at a Gong“ (1969), in der er selbst Kartoffeln auf einen chinesischen Gong wirft, und die in Basel in einem der schönsten Räume der Ausstellung neben einer Flasche Wodka, einem Wodkadestilliergerätund Lichtobjekten mit Kartoffelbezug präsentiert wird. Oder anders gesagt: Graham ist kein Mann für alle Stunden, aber definitiv für manche.


 
 
Cosima von Bonin, The Fatigue Empire, Kunsthaus Bregenz, www.kunsthaus-bregenz.at

Rosemarie Trockel, Spiral Betty, Kunstmuseum Basel, www.kunstmuseumbasel.ch

Rodney Graham, Through the Forest, Museum für Gegenwartskunst Basel