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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Es war einmal in Amerika

»Vinyl«

Die HBO-Serie »Vinyl« inszeniert das Schallplattengeschäft der frühen 1970er-Jahre wie einen Gangsterfilm. Zwischen Haifischkragen und Kokaineskapaden schimmert eine unverblümte Nostalgie durch, deren Zeitkronzeuge die Musik von damals ist. Alexander Dahas hat alle zehn Folgen gesehen und begab sich in New York auf Spurensuche.
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Im Sommer 2016 begebe ich mich in einer kleinen Journalistengruppe auf die Spuren der HBO-Serie »Vinyl«, die im Jahr 1973 in New York spielt. Schnell muss ich feststellen, dass viele Schauplätze nicht mehr existieren. Für ihre Geschichtsschreibung waren die Autoren der Serie sowohl auf die popkulturelle Überlieferung als auch auf ihre Fantasie angewiesen. Ein gewisser Abstand kann auch von Vorteil sein, überlege ich. 
Leider fällt mir nicht mehr ein, ob sich das berühmte Rock-Diktum »Wer sich daran erinnern kann, war nicht wirklich dabei« auf die 1960er- oder auf die 70er-Jahre bezieht. Das Dabeisein hätte sich jeweils aus ganz unterschiedlichen Gründen gelohnt – und das Vergessen auch. 1967 hatte in den USA der Sommer der Liebe begonnen, der sechs Jahre später in einen langen Spätherbst der Frustration übergegangen war. Der Vietnamkrieg war noch immer im Gange und Nixon weiter an der Macht. Die Modedrogen hießen nicht mehr – wie noch in den Sixties – Haschisch und LSD, sondern Koks und Heroin. Die Gegenkultur verspürte 1973 eine Katerstimmung, die sich nur durch noch mehr Exzess kontern ließ. Die dazu passende Musikrichtung hieß Glamrock und die Chartbreaker Alice Cooper. Ein Act, der auch dadurch bekannt geworden ist, dass er lebende Hühner ins Publikum warf. 
Viele Anekdoten aus dieser hedonistischen Epoche, die durch Magazinartikel, Interviews und Bücher bekannt sind, spielen in »Vinyl« eine Rolle. Der Kopf dahinter ist Terence Winter, aber die Show wurde von Martin Scorsese und Mick Jagger mitkonzipiert. Die 1970er waren vermutlich auch ihre wildeste Zeit. Wobei die Rolling Stones damals lieber von Südfrankreich aus zuschauten, als sich im Big Apple ins Getümmel zu stürzen. Stichwort: Abstand. In der Handlung der Serie mischen sich Fiktion und Wirklichkeit. Das Geschäft mit der Musik boomte. Das ist Tatsache.

1973 wird ein weiteres Bombenjahr für die Plattenindustrie werden. Bereits in der ersten von zehn Folgen ist dies im Hauptquartier der American Century Records zu spüren. Die Plattenfirma, die nur in »Vinyl« existiert, hat allerdings den Anschluss verpasst und versucht, ihre Künstler an das deutsche Polygram-Label zu verscherbeln. Kurz bevor der lukrative Deal zustande kommt, kriegt Labelchef Richie Finestra (Bobby Cannavale) einen Moralischen: Er möchte die Firma flottmachen – mit den Bands von morgen. Eine davon könnten die unbehauenen Nasty Bits werden. In ihrem dilettantischen Ungestüm nehmen sie die rohe Kraft des Punk vorweg. Die Band ist erfunden, ihre Story ist realistisch.
Neben der vor Polyester strotzenden Ausstattung kommt der Soundtrack zu »Vinyl« der Wirklichkeit am nächsten. Doch wenn die große Liebe der 100-Millionen-Dollar-Produktion die Musik sein soll, geht die Handlung dieser Liebe mitunter fremd. Dann erinnert alles eher an eine Mafiaserie: Die Gangstersitten, die im Business herrschen, die Drogeneskapaden und die Faszination fürs Oberflächliche – es fühlt sich an, als könnten jederzeit die Vorfahren der Sopranos auftauchen. Daneben wird der Aspekt des Legendären betont. Wenn die großen Stars der Vergangenheit wie Robert Plant, David Bowie und Andy Warhol durch die Kulissen geistern und denkwürdige Sprüche klopfen, muss man als Zuschauer einer anderen Generation den Eindruck gewinnen, pophistorisch das Beste verpasst zu haben. Und das gilt vor allem für die Musik. Für die Ramones ist es 1973 eigentlich zwar noch ein bisschen früh, aber »Vinyl« zeichnet sich dadurch aus, die Namen der Ur-Punks und anderer Heroen wie HipHop-Pionier Kool Herc zu droppen.  
Die filmische Glorifizierung der kurzen Scheinblüte des Pop steht durchaus in einer gewissen Tradition. Es gehört zum American Way of Life, allem Authentischen den Garaus zu machen – und dafür nebenan ein Museum oder einen Themenpark zu eröffnen. Wer nun wie unsere kleine Journalistengruppe heutzutage die in »Vinyl« auftauchenden Locations in New York besucht, kann sich selbst ein Bild von dieser Tradition machen. Das ehemalige Fillmore East beherbergt inzwischen eine Bankfiliale, in deren Eingangsbereich noch ein paar Schwarz-Weiß-Fotos aus der ruhmreichen Pop-Ära hängen. Max’s Kansas City ist einem Café gewichen, das CBGB’s einem Modegeschäft. Die Straßen von Alphabet City – damals noch als »Assault, Battery, Crime & Death« verpönt – sind mittlerweile der Ground Zero der Gentrifizierung in der East Side. Und anstelle des Mercer Buildings, das in der Serie so fotogen einstürzt, steht inzwischen ein Zweckbau der Universität. Nur das Essen im Chelsea Hotel ist heute noch genauso gut wie damals, als dort die Knebelverträge mit naiven Musikern unterschrieben wurden, wie man in »Vinyl« erfährt. Manche Dinge ändern sich nie.

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Release: 23.08.2016

Vinyl C: Terence Winter; D: Bobby Cannavale, Olivia Wilde, Ray Romano; DVD & BD, VÖ: 08.09.; Warner