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Are you a drop out?

Videospielsucht

Der Spot läuft im Fernsehen und Kino. Verfolgungsjagd im Auto, junge Typen spielen mit echten Autos Räuber und Gendarm. Immer wieder eingeblendet: “Dieser Spot wurde von professionellen Stuntmen gemacht. Zur Nachahmung nicht empfohlen.” Das “Jackass”-Prinzip. Der Reiz bleibt, und am Ende des Spots s
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Der Spot läuft im Fernsehen und Kino. Verfolgungsjagd im Auto, junge Typen spielen mit echten Autos Räuber und Gendarm. Immer wieder eingeblendet: “Dieser Spot wurde von professionellen Stuntmen gemacht. Zur Nachahmung nicht empfohlen.” Das “Jackass”-Prinzip. Der Reiz bleibt, und am Ende des Spots stehen über dem Logo der Xbox360 die Worte “Tune in”. Was aber ist mit den Personen, die durch Computerspiele zum “Drop-out” wurden?

Wann immer Computerspiele, deren Inhalt oder Konsum in den Medien behandelt werden, sorgten bisher oft Unverständnis und völlige Ahnungslosigkeit für falsche Einschätzungen und Analysen. Doch dieses Bild wandelt sich langsam. Es scheint einen Konsens darüber zu geben, dass Polemik allein nicht weiterhilft.

Leider ist die Anzahl an Therapie-Plätze im Fall der Medienabhängigkeit “Videospielsucht” äußerst beschränkt. Als einzige bekannte Einrichtung dieser Art in Deutschland bietet das Kinderkurheim Wichernhaus im Ostseebad Boltenhagen unter der Leitung der Diplom-Psychologin Simone Trautsch (42) Therapieplätze an. Dabei lernen die meist jüngeren Teilnehmer ein neues oder stellenweise bis dahin völlig unbekanntes Verhältnis zur Natur, zu ihrer Lebensumgebung und zu ihrem eigenen Zeitplan kennen. Wenn ein achtjähriges Kind bei der Frage nach Freunden nur 20 Charaktere aus einem Pokémon-Spiel nennt, wird eben deutlich, dass genau das vonnöten ist. Das Wichernhaus ist häufig ausgebucht, seine Therapie wird übrigens von nahezu allen Krankenkassen übernommen.

Doch wie sieht es in anderen Ländern aus? Ginge es nur um die Menge an möglichen Spielern und damit Suchtgefährdeten, müsste China die wohl umfangreichsten Erfahrungen gesammelt haben. Und siehe da: Allein in Peking gibt es zwei Einrichtungen, in denen Personen mit überproportionalem Zeitaufwand bei Computerspielen behandelt werden, wobei in diesen ehemaligen Militärkrankenhäusern eine tiefer gehende Therapie kaum angeboten wird. Schätzungen gehen davon aus, dass in China rund 14 Millionen Computerspieler regelmäßig am PC sitzen, wobei dort gerade der finanzielle Anreiz mancher Onlinespiele jenes extensive Spiel fördert, das selbst Essen und Schlafen zur Unwichtigkeit degradiert. In Shanghai eröffnete im August nun sogar eine Art Obdachlosenheim für Computerspieler. Dort landen nicht selten junge Kinder, die von Sozialarbeitern in Internetcafés aufgelesen werden. Obwohl es staatliche Vorgaben und erhöhte Strafen für Besitzer solcher Netzcafés gibt, sorgen immer wieder Meldungen über Todesfälle oder Gewalttaten im Zusammenhang mit Computerspielen für Skandale und ein entsprechendes Medienecho. Im vergangenen Mai verklagte sogar ein Elternpaar den Entwickler eines chinesischen Onlinespiels, weil ihr 13-jähriger Sohn nach 36 Stunden durchgehender Spielzeit Selbstmord verübte. Auch der Mord wegen eines Schwerts aus einem Onlinespiel ging weltweit durch die Presse. Ob dabei ein Heim mit gerade mal vier Plätzen und freiwilligem Aufenthalt eine Lösung ist, bleibt wohl mehr als fraglich.

Sind “World Of Warcraft” und Co. also das Heroin des neuen Jahrtausends? Der Holländer Keith Bakker (45), Direktor der Firma Smith & Jones Addiction Consultants, würde diese Frage sicherlich mit ja beantworten. Er war selbst jahrelang Kokain- und Heroin-abhängig und gründete nach der eigenen Therapie das neue Institut für Suchtkranke, das sich selbst als “Lifestyle Coaching Company” sieht und den Interessierten auf seiner Website erst einmal mit einem Zitat aus “Apocalypse Now” begrüßt. Da man im Amsterdamer “Wild Horses Center” (in Trägerschaft von Smith & Jones) in den letzten Jahren immer mehr Anfragen zur Videospielsucht bekam, wurde nun im Juli dieses Jahres der erste Kurs ausschließlich für Videospielsüchtige unter der Programmleitung von Dennis Old (50) gestartet. Laut Institut neigen 20 Prozent aller Videospieler zu exzessivem Suchtverhalten, und dabei ähneln die Prozesse einer Videospielsucht in vielen Ausformungen denen von Alkoholismus und Glückspielsucht. Vor allem die hormonelle Gewinnbestätigung durch Endorphine erweist sich als wichtigster und zugleich banaler Trigger der Sucht. Und auch bei den Eltern von Jugendlichen zeigen sich Verhaltensmuster, die Therapeuten sonst nur von Partnern eines Kokainabhängigen kennen. Ihnen ist oft bewusst, dass etwas nicht stimmt, sie können das aber häufig nicht konkret festmachen, auch weil sich gesundheitliche Einschränkungen erst bei Extremfällen einstellen.

Bei diesen Parallelen ist es wohl kein Zufall, dass sich in der holländischen Klinik seit Januar bei ganzen 20 Patienten im Alter von 13 bis 30 Jahren, die zunächst nur wegen ihrer Drogen- oder Alkoholabhängigkeit in Behandlung waren, bald auch eine potenzielle Videospielsucht offenbarte – der Startschuss für ein eigenes Therapieprogramm. Bei Tagespreisen von bis zu 500 Euro und fehlender Übernahme der Kosten durch deutsche Krankenkassen bleibt jedoch fraglich, wer sich diese Klinik wirklich leisten kann. Tatsache ist: Ohne in die Schwarzmalerei vieler Videospiel-Kritiker zu verfallen – Bedarf an Therapien scheint es auch hierzulande mehr und mehr zu geben.