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Das One Take Wunder

»Victoria«

Mit seinem vierten Film als Regisseur, »Victoria«, realisierte Kinoromantiker Sebastian Schipper eine verrückte Idee: die Geschichte eines Bankraubs, gedreht in einem einzigen, mehr als zwei Stunden langen Take. Da wollten wir uns nicht lumpen lassen. Wolfgang Frömberg (Text), Carmen Catuti (Fotos), Michael Obenland (Kamera) und Dominik Wilzok (Ton) verabredeten sich mit den Hauptdarstellern Laia Costa und Frederick Lau sowie mit Sebastian Schipper zum One-Take-Interview in Berlin.
Geschrieben am

Die Schauspielerin Laia Costa und ich stehen vor einer Tür, hinter der sich ein Filmanfang verbirgt. Sebastian Schippers »Victoria« beginnt dort in einem Club, den es an diesem Mittwoch im Mai gar nicht mehr gibt. Er ist in den Räumen jenseits der besagten Tür extra für Schippers vierten Spielfilm entstanden und nach Ende der Dreharbeiten wieder verschwunden. In den ersten Filmmomenten sehen wir Laia in der Rolle als Victoria, die in der Kulisse des Techno-Schuppens schwitzt, tanzt und an ihrem Zopf herumnestelt, bevor sie zur Bar geht, um einen Drink zu bestellen. Für sie ist es der Beginn eines zweieinhalbstündigen Kino-Trips, der auf der Berlinale 2015 mächtig Aufsehen erregte. Die Handlung führt Victoria bald aus dem Club heraus, der Rest spielt sich im Morgengrauen an über zwanzig Orten in Berlin ab. Zunächst bahnt sich eine Romanze an – zwischen Victoria und einem Typ namens Sonne. Nach einer Weile nimmt die Geschichte eine Wendung: Victoria wird mit Sonne und dessen Kumpels Fuß, Blinker und Boxer in einen Bankraub verwickelt.

Use Your Illusion 1
»Wenn ich jetzt an die Locations zurückkehre«, erklärt Laia Costa, »scheinen sie keine Ähnlichkeit mit den Orten aus dem Film zu haben.« Kino? Reine Illusion. Und mancher Gast der ersten Berliner Vorführungen überlegte noch ernsthaft, wann er zuletzt in dem Club aus dem Film gewesen sei. Das hat einen Grund: Die Intensität des Geschehens zieht einen tief in »Victoria« hinein. Regisseur Sebastian Schipper, der als Schauspieler bereits in Tom Tykwers »Lola rennt« mitspielte und mit seinem Filmemacher-Debüt »Absolute Giganten« 1999 einen echten Hit landete, wagte dafür ein Experiment, das Wirkung zeigt. Was Alejandro González Iñárritu in seinem Oscar-prämierten »Birdman« nur andeutete und Hitchcock in den Vierzigerjahren mit »Cocktail für eine Leiche« vortäuschte, setzt er in die Tat um: »Victoria« wurde ohne Schnitt in einem Take gedreht. Wie in einer Theateraufführung, die die Straßen als Bühne nutzt, bewegt sich das Ensemble durch Berlin. Die Story vollführt diesen und jenen Twist, Victoria durchlebt ein Auf und Ab der Gefühle. Ein Laie wie ich vermutet hinter so einem Dreh eine ordentliche Tortur.

Blood, Sweat & Tears
Für den Drehtag habe sie nach drei Probedurchgängen keine besondere Vorbereitung benötigt, erzählt Laia Costa. Weder Konditionstraining noch Meditation. Allerdings habe sie sich für die Clubszene einige Minuten warm tanzen können, bevor die Kamera zu laufen begann – und für zweieinhalb Stunden nicht mehr stoppte. Der Schweiß und die Tränen in »Victoria« sind echt, das Blut nicht. Zum Glück, beim Dreh hätte ja einiges schieflaufen können. Wir stehen noch immer neben der Tür, am Fuß einer Treppe, über die Victoria im Film den Club verlässt. Draußen trifft sie auf Sonne und die anderen Jungs. Sozusagen auf ihren Spuren gehen wir die Stufen hoch, vor uns tastet auch Intro-Kameramann Michael »Obi« Obenland nach Halt. Die Machart von »Victoria« hat uns zur Nachahmung inspiriert. Das Interview soll ohne Pause geführt und in einem Rutsch gefilmt werden. Hoffentlich wird Obi nachher nicht vom Dach fallen. Da wollen wir nämlich hin. Die eng beieinander liegenden Drehorte ermöglichen einen Spaziergang entlang der Route des Films. Die Tour wird uns auch zu dem Café auf der Friedrichstraße führen, in dem Victoria arbeitet. Dort warten bereits Sebastian Schipper und Frederick Lau. Aber vorher machen wir einen Abstecher zu einem Plätzchen, das im Film nicht vorkommt.


Hazelnut-Körnels 
Eigentlich müsste der Späti auf der Friedrichstraße unser nächstes Ziel sein. Dort kommen sich Victoria und Sonne im Film langsam näher. Der Kioskbesitzer ist eingeschlafen, die zwei nutzen die Gelegenheit, um Getränke und Knabberzeug mitgehen zu lassen. Die Nacht der Nächte nimmt allmählich Fahrt auf. Allerdings bietet sich für einen Zwischenstopp während des Interviews auf halbem Weg ein Spielplatz mit Doppelschaukel an. Der perfekte Ort, um Laia Costa als Newcomerin im deutschen Kinobetrieb nach ihrem Background zu befragen. Laia wurde in Barcelona geboren und ist auch dort aufgewachsen. Sie ist Jahrgang 1986, im Film wirkt sie allerdings jünger. Zuvor hat sie in mehreren spanischen Produktionen und in zwei TV-Serien mitgemischt. Wie ist sie in die »Victoria«-Geschichte hineingeraten? Zum Film kam sie über ein Casting in Spanien. Die Suche fand damals gezielt außerhalb Deutschlands statt. Es ist einer der Clous von »Victoria«, dass die Hauptfigur kein Deutsch spricht. Darum müssen alle Charaktere Englisch reden. Oder das, was sie dafür halten. Neben lustigen Neologismen wie »Hazelnut-Körnels« (Sonnes Übersetzung für Haselnuss-Kerne) hat dieses Kauderwelsch schon mal einen Effekt: »Victoria« wirkt nicht wie ein typischer zeitgenössischer deutscher Kinofilm.  


Because The Night 
Nach den zwei Screenings, denen ich bis dahin beigewohnt hatte, wirkte das Publikum jedes Mal sprachlos. Man merkt: Es steckt viel Leidenschaft im Film. Und wie innig sich Laia Costa, Sebastian Schipper und Frederick Lau begrüßen, als sie nacheinander zum Termin eintrudeln. Laia schwärmt von der Atmosphäre während der insgesamt zweimonatigen gemeinsamen Zeit im vorigen Jahr. Nicht nur von der Freundschaft, die innerhalb der Filmcrew entstanden ist, sondern vom kollektiven Prozess, in dem die Story entwickelt wurde. Schließlich gab es bloß ein 12-seitiges Skript ohne Dialoge, an die man sich hätte halten können. Behutsam näherte man sich dem Ablauf der Geschehnisse an. Dennoch gab es viel Spielraum für Improvisation. Letztlich wurde nicht einmal in einem abgesperrten Gebiet gedreht. Die Filmcrew habe sich ungeschützt in einem kleinen Pulk durch die Dämmerung bewegt, erklärt Laia. Von außen betrachtet, müsse das wie ein Studentenprojekt ausgesehen haben. »Wir waren nah an der Realität«, erinnert sie sich. »Anwohner rissen die Fenster auf und brüllten: ›Was zum Teufel macht ihr um fünf Uhr morgens für einen Lärm?‹« Sebastian Schipper sei beim Dreh »wie Gott« gewesen: »Ich habe seine Anweisungen ständig gehört, ihn aber nie gesehen.« Ansonsten habe sie alles um sich herum ausgeblendet. »Ich hatte extra gefragt, ob wir beim Drehen den Kameramann anrempeln dürfen. Er sollte ja Luft sein.« Sturla Brandt Grøvlen wurde bei der Berlinale für seine »Victoria«-Kameraarbeit mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Da hat er ein paar blaue Flecken sicherlich verschmerzen können. 


Breaking The Law 
Es ist kein Spoiler, wenn man Teile des Plots von »Victoria« verrät. Der Film folgt Leitmotiven, die so ähnlich auch in einer anderen Handlung, so deutlich jedoch nicht mit einer anderen Herangehensweise zu erkennen wären. Die spezielle Form bestimmt den Inhalt, was man allerdings im Kinosaal vergisst. Empörte Nachbarn konnten in der Postproduktion natürlich übertönt werden, aber auch wenn einem im Film keine »Fehler« auffallen, so gebe es zwangsläufig welche, meint Laia Costa. »Es sind Fehler, die das Leben ausmachen, weil sie überall lauern.« Der Mut zum Fehler ist das eine Leitmotiv, ein weiteres ist der Wunsch nach einem anderen Leben. Während Victoria im Club zwar nicht deprimiert, aber doch ein wenig einsam wirkt, erfahren wir durch die Dialoge mit Sonne und den anderen etwas mehr über ihre bisherige Existenz. Eine deprimierende Geschichte. So wie auch die brüchigen Biografien von Sonne, Blinker, Fuß und Boxer angedeutet werden. In ihren neuen Freunden erkennt Victoria zumindest die Möglichkeit, dass man Regeln brechen kann, um glücklich zu sein. Noch beim Interview auf der Schaukel spricht Laia voller Überzeugung davon, wie wichtig das sei. »To break the rules.«  

Mind The Gap 
Kein Wunder, dass sie ein wenig enttäuscht wirkt, als ich im Späti für die Getränke zahle. Aber Sebastian Schipper und Frederick Lau warten im Café, und eine Verfolgungsjagd mit der Polizei würde der andauernd rückwärts laufende Intro-Kameramann Obi kaum mit heilen Knochen überstehen. Immerhin muten wir ihm noch ein längeres Verweilen inmitten einer Straßenkreuzung zu, dann landen wir bei Sebastian und Frederick am Tisch. Nach der finalen Szene sei es im Team erst einmal ruhig gewesen, erzählt Schipper. Es habe vor allem Ungläubigkeit vorgeherrscht, das Kind geschaukelt zu haben. Wie er auf die verrückte Idee gekommen sei, den Film ohne Schnitt zu realisieren? Eine Frage, die ihm jetzt sicher häufiger begegnet. Schipper erklärt es mit seiner Wahrnehmung, dass bestimmte Begriffe wie zum Beispiel »Radikalität« ihre Bedeutung verloren hätten. Einen Sinn, den er ihnen gerne zurückgeben wolle. »Außerdem habe ich mir überlegt: Wenn man beim langweiligsten Bankraub der letzten zehn Jahre in Berlin der Fahrer gewesen ist, dann war das sicher spannend. Wieso klingt die Idee, einen Film darüber zu machen, aber erst mal nicht so spannend? Woher kommt diese Lücke? Die Lücke zwischen dem echten langweiligen Bankraub und einer Darstellung im Film? Für mich wurde sie dadurch geschlossen, dass wir ›Victoria‹ in einem Take gedreht haben.«  

Eat The Rich 
Frederick Lau lacht. Der viel beschäftigte Schauspieler hatte sich gleich auf die One-Take-Sache eigelassen, in der Überzeugung, dass es sowieso nicht klappen würde. Er habe einfach »Bock gehabt, mit Sebastian zusammenzuarbeiten«, und schnell gemerkt, dass es passt zwischen ihm und Laia Costa. Die Szene mit den beiden, die in dem Café spielt, in dessen Außenbereich wir gerade sitzen, habe etwas Magisches. »Es hat sich richtig angefühlt. Ich mag keine Filme, bei denen man lügen muss. Sonne ist eine Art Straßenköter, wie ich sie gerne habe.« Sebastian Schipper ist es wichtig zu betonen, dass neben den oberflächlichen Reizen »One Take« und »Banküberfall« etwas anderes die von ihm so genannte »Unterströmung« des Films ausmache. Er sehe »Victoria« als Porträt junger Menschen in der Gegenwart: »Europa ist ein reicher Flecken Welt und Deutschland innerhalb Europas ein wirtschaftlich starkes Land. Wir sind reich. Und trotzdem gibt es hier junge Leute, die unterprivilegiert sind. Deshalb war es für mich wichtig, dass Victoria aus Spanien kommt und alle Englisch sprechen müssen. Es geht nicht einfach um ein paar Typen von der Straße und ihre coolen Sprüche.«  

Use Your Illusion 2 
Wenn man sich Schippers ersten Spielfilm, den er als Regisseur gedreht hat, gut fünfzehn Jahre nach dessen Erscheinen noch mal anschaut, erkennt man Parallelen zwischen »Absolute Giganten« und »Victoria«. So gab es schon 1999 eine Szene, in der Julia Hummer allein im Club tanzt. Und während sich die Welt um das Clubleben herum seitdem drastisch verändert hat, erscheint der gefakte Club aus »Victoria«, wenn man ihn mit dem damaligen Zufluchtsort von Julia Hummers Figur Telsa vergleicht, beinahe unberührt. In der Welt von »Absolute Giganten« wurde noch mit D-Mark bezahlt und mit Wählscheibe telefoniert, aber der Club war und ist ein dunkles Loch, in dem man sich dem Beat hingibt. Eine andere Gemeinsamkeit bespreche ich mit Sebastian Schipper auf dem Weg zur letzten Station des Interviews. Unser Grüppchen steigt über Treppe und Lift auf das Flachdach im nahe gelegenen Wohnkomplex, dabei reden wir über die Filmmusik von Nils Frahm, die »Victoria« einen speziellen Rhythmus verleiht. Sie bringt die Melancholie der Geschichte zum Ausdruck, ähnlich wie es die Musik in »Absolute Giganten« tut. Warum wir auf das Dach steigen? Im Film ist es der Treffpunkt von Sonne, Blinker, Fuß und Boxer. Victoria zeigt dem Publikum dort, dass man sich um sie keine Sorgen machen muss. Weil sie mutiger, unabhängiger und freier ist als die Boys, auch wenn sie die vier um ihre Freundschaft vielleicht beneidet. Sie scheinen aneinander gekettet zu sein. Die Utopie des Clubs, die Utopie des Dachs, die Utopie der Freundschaft – eine Illusion wie Sebastian Schippers Film? Wir sitzen über den Wipfeln Berlins und quatschen über den Traum vom Bankraub, den wohl jeder als Kind mal geträumt hat. Nach 80 Minuten schaltet Obi die Kamera aus.  


– »Victoria« (D 2015; R: Sebastian Schipper; D: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit; Kinostart: 11.06.15)