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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

GB 2004

Vera Drake

R: Mike Leigh, D: Imelda Staunton, Phil Davis, Peter Wight; 03.02. Die muttchenhafte, übermenschlich gute und fröhliche Vera lebt trotz bescheidener Umstände glücklich mit ihrer Familie im Nachkriegs-London. Sie geht ihrer Arbeit als Putzfrau bei Oberschichtfamilien nach und kümmert sich rührend
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R: Mike Leigh, D: Imelda Staunton, Phil Davis, Peter Wight; 03.02.

Die muttchenhafte, übermenschlich gute und fröhliche Vera lebt trotz bescheidener Umstände glücklich mit ihrer Familie im Nachkriegs-London. Sie geht ihrer Arbeit als Putzfrau bei Oberschichtfamilien nach und kümmert sich rührend um ihre Mitmenschen. Niemand außer ihrer zwielichtigen Bekannten Lily weiß, dass sie heimlich bei bedürftigen Frauen Abtreibungen vornimmt. Eine ihrer PatientInnen wird nach Veras Eingriff mit schlimmen Komplikationen ins Krankenhaus eingeliefert, woraufhin eine Schwester die Polizei einschaltet, die Vera in einer dramatischen Szene aus ihrer eigenen Wohnung abführt.

Das neue Sozialdrama von Mike Leigh, das auf Deutsch eselig und irreführend bieder mit ›Frau Und Mutter‹ untertitelt wurde, ist ein brüllendes Plädoyer für das Recht auf Abtreibung. Die dumpf warmen, grünbraunen Realo-Bilder der Unterschicht, die mit dem kalten Pomp der Reichen kontrastiert werden, wo sich mit genügend Geld und der Unterschrift eines Psychiaters ein legaler, sicherer Schwangerschaftsabbruch erkauft werden kann, lassen keinen Zweifel darüber, wie die Sympathien verteilt sind. Reichtum korrumpiert, wie auch die Status-Symbol-süchtige Schwägerin Veras beweist, während gerade bei den am wenigsten Privilegierten das Herz tellergroß am rechten Fleck pocht, wie beim wortkargen, bitterarmen Verlobten von Veras lieb verhuschter Tochter. Und auch wenn dieses binäre Weltbild alles auf simple, sofort greifbare Antagonismen einzudampfen scheint und die naive Güte Veras während ihres Gerichtsprozesses für einen einzelnen Menschen kaum noch zu ertragen ist, möchte man dem Film doch so gerne in all seinen Aussagen bedenkenlos zujubeln. Das vermeintlich Historische der ins Jahr 1950 verlegten Handlung zerfällt beim genaueren Nachdenken über die massiven Vorstöße der »Pro-Life«-AktionistInnen im Zeitalter des Neokonservativismus, der aufgrund Jobmangels Frauen gerne wieder in reaktionäre Rollenbilder zurückdrängt, in kleine Bröckchen. Allein, dass Regisseur Leigh, dessen Film eine so eindeutige Position bezieht, öffentlich verlauten lässt, die von seinem Werk aufgeworfenen moralischen Fragen seien »nicht einfach zu beantworten«, hinterlässt ein feines Aroma von Enttäuschung.