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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Hans Weingartner

Unterwegs mit »303«

In Hans Weingartners Roadmovie »303« fahren zwei junge Menschen zusammen im Auto durch Europas schöne Landschaften und reden über Politik und Liebe. Siegfried Bendix sprach mit dem Filmemacher über Tinder, Filmklischees und Richard Linklaters »Before Sunrise«. 

Geschrieben am

»303« ist dein erster Liebesfilm. Mit deinen eher gesellschaftskritischen Filmen verbindet ihn der Konflikt »Rationalismus vs. Idealismus« als zentrales Thema. Was interessiert dich so daran?

Das hast du jetzt gesagt! Vielleicht geht es eher darum, wie man die Realität verändern kann. Aber eigentlich denke ich darüber gar nicht so sehr nach. Ich erzähle einfach meine Geschichten und schöpfe dabei immer aus dem, was mich gerade beschäftigt.

Was hat dich beschäftigt, als du »303« in Angriff genommen hast?

Ich habe ein sehr buntes Leben gelebt, war in verschiedenen sozialen Zusammenhängen und an den unterschiedlichsten Orten unterwegs – dabei habe ich ganz schön viel Lebenserfahrung gesammelt. Der Film ist das Ergebnis meiner Erkenntnisse über die Natur des Menschen. Der für mich interessanteste Aspekt aber war dieses Beziehungsding: Wie lange wollen wir eigentlich noch an der Monogamie und dem Modell der Kleinfamilie festhalten? Was gibt es für Alternativen, und was sind die psychologischen und biologischen Voraussetzungen dafür?

Im Pressetext steht auch der Begriff »Anti-Tinder-Film«. Was ist denn das Problem mit Tinder?

Das ist doch offensichtlich, oder? Bei Tinder geht’s doch nur noch um Wisch-und-weg – man lernt sich gar nicht mehr richtig kennen.

Nach einem Tinder-Match kann man sich doch treffen. Und auch in der analogen Welt springt man zunächst auf das Äußere eines Menschen an.

Ja, kann man, aber wenn es nicht sofort klappt, wartet schon das nächste Match in der Pipeline. Diese Apps machen Dating sehr kurzlebig – kaum jemand nimmt sich noch die Zeit, sich richtig auf einen anderen Menschen einzulassen. Außerdem wird die Optik überbetont. Im echten Leben verliebst du dich auch mal in den Charme oder Witz eines Menschen. Wenn es nur noch ums Aussehen geht, strengt sich doch keiner mehr an, kreativ zu sein. Dabei braucht die Welt dringend mehr geistreiche Menschen, hübsche gibt es genug. Wir werden immer oberflächlicher.

Deshalb hast du Jule und Jan im Film eine Idealsituation geschaffen: Über einen längeren Zeitraum hinweg sind sie ununterbrochen zusammen, lernen sich kennen – und führen weitschweifige Diskussionen. Wie bist du an die Dialoge herangegangen? Schreibt man die so, als debattiere man mit sich selbst?

Ein bisschen schon, ja. Da diskutiert dann die linke mit der rechten Gehirnhälfte, nehme ich an. Aber auch die Ko-Autorin Silke Eggert hat mitdebattiert. Wichtig war auch, dass die Dialoge die Entwicklung zwischen den beiden reflektieren. Im Verlauf des Films werden die Gespräche persönlicher und intimer: Erst geht’s um Politik, dann um Liebe und Beziehungen.

Die Rollenverteilung dabei ist sehr klar, fast schon stereotyp: Er verteidigt den Kapitalismus, während sie ökologisch argumentiert und an das Gute im Menschen glaubt; wenn es um Sex geht, ist er sehr pragmatisch, während sie an romantischen Idealen festhält.

Wir haben auch versucht, das umzudrehen, ein bisschen gegen den Strich zu bürsten. Aber das hat nicht funktioniert, und es entsprach auch überhaupt nicht unseren Recherchen. Da muss man die Realität auch anerkennen und nicht krampfhaft eine Umkehrung herbeiführen, nur damit man für seine Originalität gelobt wird.

Du wolltest mit »303« den Klischees des Liebesfilms entgehen. Aber ist der Roadtrip, bei dem die äußere Reise auch eine innere ist – mit sonnendurchfluteten Bildern, wohlklingender Indiemusik und dem Meer als Sehnsuchtsort –, nicht längst ein eigenes Klischee?

Was heißt schon Klischee? Sollen die jetzt in Schwarz-Weiß durch irgendeine hässliche Scheißgegend fahren, mit atonaler Kreischmusik, nur damit die Filmkritiker zufrieden sind? Damit der Kinobesuch ein möglichst unangenehmes Erlebnis wird? Bei so einem Scheiß mach ich nicht mit, das ist mir zu blöd. Ich mache Filme nicht, damit mir intellektuelle Neurotiker auf die Schulter klopfen; und ich fühl mich auch nicht geadelt, wenn nur drei Leute in der Vorstellung sitzen. Der Inhalt ist doch wichtig, nicht die Form. Der Kern des Films sind die Gespräche, und die müssen nicht unbedingt in einem Parkhaus stattfinden. In »Before Sunrise« laufen sie ja auch durch das romantische Wien bei Nacht und nicht durch Garzweiler. Was spricht gegen schöne Bilder und Orte? Sollen wir Indie-Filmer uns die Sonne von der Werbung wegnehmen lassen? Ich mag es auch, dass die Idee Europa bei unserer Strecke so gut rüberkommt. Ein echtes Klischee wäre es, wenn beide einen Hirntumor hätten und gemeinsam ihre letzte Reise antreten würden. Ja, bei mir ist schönes Wetter, und zwei junge Menschen fahren durch schöne Landschaften. Damit macht man sich natürlich angreifbarer als mit einem depressiven Arthouse-Film, in dem es immer regnet, alle scheiße drauf sind und die Figuren durch triste Industriegegenden laufen. Was die wenigsten kapieren: Das Anti-Klischee ist das viel schlimmere Klischee. Denn es ist unehrlich. 

Ein anderes Klischee vermeidest du: Es gibt auf Jules und Jans Trip kaum Hürden von außen, die alles aufs Spiel setzen.

Es gab extremen Druck, solche Sachen einzubauen. So habe ich dann auch den Sender verloren, der ursprünglich an dem Film beteiligt war. Aber ich kann diese dramatischen Baukastenelemente nicht mehr sehen: hier ‘ne Panne, dort ein Unfall, sie ist heroinsüchtig, er transportiert heimlich eine Bombe im Auto, dann kommen die Bullen. Ich habe mich gegen alle Widerstände dafür entschieden, diese ausgelutschten Plotelemente, die man schon im ersten Semester Filmhochschule lernt, komplett wegzulassen. Es war ein hohes Risiko, sich nur auf das zu verlassen, was sich zwischen den Hauptfiguren abspielt. Ohne das Vorbild von Richard Linklaters »Before Sunrise« hätte ich mich das wohl nicht getraut.

Richard Linklater hat die Figuren dieses Films noch in zwei weiteren Filmen aufeinandertreffen lassen. Würde es dich reizen, die Geschichte der beiden weiterzuverfolgen und so auch Themen wie Polygamie, die in »303« nur auf einer theoretischen Ebene verhandelt werden, mit der Realität abzugleichen?

Wenn das Publikum das sehen will, warum nicht? Es gibt noch so viele Themen zu diskutieren. Ich habe 20 Jahre gebraucht, um das so natürlich hinzukriegen. Jetzt, da ich weiß, wie es geht, würde ich das gern ein zweites Mal machen. Aber nicht mehr als Roadmovie, denn das Drehen ist da wirklich brutal anstrengend!

— »303« (D 2018; R: Hans Weingartner; D: Mala Emde, Anton Spieker; Kinostart: 19.07.18; Alamode)