×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das Vaterspiel

Unterwegs mit

Im neuen Film von Regisseur Michael Glawogger spielt die Protagonistin aus "Der Freie Wille" die Enkelin eines Naziverbrechers.
Geschrieben am

Als wir rasenden Intro-Reporter eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt zum Pressegespräch in die Hürther Wellblechdach-Baracke einlaufen, ist das Foto-Shooting bereits in vollem Gange. Alle Kameras sind auf eine Früh-80er-
Jahre-Schlafzimmerkulisse gerichtet: ein ungemachtes Bett aus goldenem Stahlrohr mit einem lila Satin-Überwurf, Rosentapete, kleine Bilder mit Blumen und Vögelchen und geschmacklose Oma-Leuchten, die nicht retro genug sind, um schon wieder cool zu wirken.

Vor dieser Kulisse posieren die beiden Hauptdarsteller: Sabine Timoteo trägt ein elegantes schwarzes Kleid mit Taillengürtel und hat ihre halblangen blonden Haare streng gescheitelt. Ihr Blick ist ziemlich verwegen. Helmut Köpping trägt ein Leinensakko, darunter ein schwarz-weißes Hemd mit psychedelischem Muster. In "Vaterspiel" spielt er die Rolle von Rupert Kramer, Sohn eines sozialdemokratischen Ministers, den Rupert so sehr hasst, dass er nächtelang am Computer sitzt, um ein abstruses Vatervernichtungsspiel zu entwickeln. Als seine unerfüllte Liebe Mimi (Timoteo) ihn anruft und bittet, nach New York zu kommen, zögert er nicht lange. Doch bald wird klar: Er soll Mimi helfen, das Versteck ihres Großvaters zu renovieren: einen Keller, in dem sich der Naziverbrecher seit 32 Jahren verbirgt.

In Wien und New York wurde schon gedreht, in Hürth findet die letzte Drehwoche statt. Innenaufnahmen sind angesagt, reichlich unspektakulär und - vor allem - unglamourös. In die Kinos kommt der Film allerdings erst im nächsten Frühjahr. Trotzdem sinnvoll, das mediale Feuer im Vorfeld schon mal ein wenig zu schüren. Zum Pressegespräch ist deshalb auch extra der Autor der Romanvorlage, Josef Hasslinger, angereist. Gemeinsam mit Regisseur Michael Glawogger ("Slumming", "Working Man's Death") erklärt er das Anliegen: Man habe keine Lust mehr auf Filmszenen aus jüdischen Ghettos und auf Schauspieler in Nazi-Uniformen: "Die Menschen sollen sich eigene Bilder zum Holocaust machen, die sie nicht einfach wieder beiseitelegen können." Glawogger geht es um die konstruktive Verstörung: "Ein alter Mann sitzt im Keller. Er kommt nicht als kalter Killer daher, sondern als greifbares menschliches Wesen. Jemand ist nicht das Böse per se - so funktioniert die Welt nicht."
Charismatischer Fixstern der Promotion-Veranstaltung ist ohne Frage Sabine Timoteo, die durch ihre starken Rollen in "Ein Freund von mir" und vor allem in "Der freie Wille" im letzen Jahr für Furore gesorgt hat.

Beim Fotoshooting hattest du eine Perücke auf, jetzt hätte ich dich fast nicht erkannt. Ist die Glatze Teil deiner Rolle?
Ja, Mimi hat auch keine Augenbrauen. Das ist ein Bild für die Situation in ihrer Familie und steht für eine Art Persönlichkeitslosigkeit. Ich hatte die Haare aber auch schon privat richtig kurz.
Kannst du die Rolle kurz skizzieren?
Ich spiele die Figur ja in den 80er- und in den 90er-Jahren, es gibt also zwei Phasen der Entwicklung. Am Anfang ist für Mimi noch alles in Ordnung. Sie wächst in guten Verhältnissen auf. Dann sterben ihre Eltern, und sie erbt einen Großvater. Ab dann bricht alles auf sie ein. Sie ist auf einmal nur noch da, um auf ihren Großvater aufzupassen.
Alle Schauspieler haben ja komplett unterschiedliche Hintergründe. Welchen Einfluss hat das auf die Zusammenarbeit?
Man muss sich auf jeden Schauspieler einstellen, egal, woher er kommt, das macht es doch noch viel spannender. Ich war ja anfangs diejenige, die Angst vor Schauspielern hatte, weil ich selbst keine Schule besucht habe. Ich habe als Tänzerin gearbeitet eine Zeit lang, und ich habe Koch gelernt.
Hast du als Tänzerin einen besonderen Bezug zu Musik?

Tanz ist für mich Musik, Schauspielern auch, das gehört alles zusammen: Rhythmus, Pausen etc. Ich höre ganz viel von Bach bis Folklore. CocoRosie mag ich sehr gerne, die haben so unterschiedliche Ebenen, zwischen denen sie hin und her wandern, Traumebenen, mal wie Kinder, dann wie Erwachsene. Die nehmen mich mit auf eine Reise.
Was machst du nach dem Film?
Ich geh nach Hause nach Bern. Schließlich habe ich zwei Kinder, vier und acht Jahre alt.