×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Totgesagt und nicht gestorben

Dinosaurier

Leander Haußmann ist Experte für die Sorte deutsche Komödie, die gerade genug Tiefgang besitzt, um ihre Leichtigkeit nicht zu verlieren.
Geschrieben am



Leander Haußmann
ist Experte für die Sorte deutsche Komödie, die gerade genug Tiefgang besitzt, um ihre Leichtigkeit nicht zu verlieren. Immer lustig, auch wenn's um Rentner geht.

Armut, Siechtum, wachsende Unzurechnungsfähigkeit und eine Umwelt, der solche Probleme komplett egal sind. Diesen Schrecken des Alterns lässt sich filmisch nur in der Komödie begegnen. Jedenfalls, wenn man möchte, dass irgendwer ins Kino kommt. Die Rentner in Leander Haußmanns "Dinosaurier" sind so turbulent wie sonst nur die sprechenden Tiere in Disneyfilmen. Und dass sie niemand mehr ernst nimmt, ist ihr Ticket in die Freiheit.

Das Übervorteilen älterer Menschen ist eine feste Größe unseres Wirtschaftssystems. Riesige Summen brav ersparten Geldes werden von gut gedrillten Bankangestellten aus morschen Rippen geleiert. Auch die graziöse Rentnerin Lina Braake (Eva-Maria Hagen) fällt am Anfang von "Dinosaurier" dem freundlichen Anlageberater Hartmann (Daniel Brühl) zum Opfer - eine unüberlegte Unterschrift genügt, und ihr kleines Häuschen in Berlin gehört der Bank. Als neue Unterkunft bleibt nur ein abgerocktes Altenheim. Und wenn der Direktor dieser Einrichtung von Tom Gerhardt gespielt wird, kann man sich denken, wie es da zugeht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten findet Lina in dem punkigen Ex-Manager Johann (Haußmanns Vater Ezard!) einen Verbündeten, mit dem sie die kriminellen Energien der Insassen weckt, um ihr geliebtes Eigenheim zurückzubekommen.


Richtig, auch in dieser Hommage an Bernhard Sinkels Film "Lina Braake" setzt Komödienspezialist Haußmann konsequent auf schrullige Charaktere, ein gut geschmiertes Ensemble und vor allem auf ungebremsten Slapstick-Humor. Der unbedingten Verpflichtung, das Publikum zum Lachen zu bringen, wurden glücklicherweise alle anderen Facetten dieser "Rentners-in-crime"-Posse untergeordnet. Klar, Figuren, Handlung und Konfliktlösungen sind geradezu grotesk unglaubwürdig. Aber wenn Haußmann seinen eigenen Vater mit einem Rennrad gegen einen Baum rasen lässt, ist das endlich mal wirklich lustig. Auch vor platzenden Katheterbeuteln, gestohlenen Gebissen oder Alzheimerwitzen wird nicht zurückgeschreckt. Sämtliche Register des Boulevardhumors werden gekonnt gezogen. Und das Rezept geht auf: Haußmann kriegt mit seiner tolldreisten Herangehensweise tatsächlich eine ganze Riege Dinosaurier des deutschen Showgeschäfts (Giller! Tiller! Wolter!) dermaßen in Spiellaune, dass einem ganz schwindelig wird. So was hat man hierzulande seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Leider.

Dinosaurier (D 2009; R: Leander Haußmann; D: Eva-Maria Hagen, Ezard Haußmann, Ralf Wolter, Walter Giller, Nadja Tiller; 24.12.)