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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Angst, Schuld, Scham und Verantwortung

Tore tanzt

Katrin Gebbes Debütfilm, in dem ein überzeugter Jesus-Freak gequält wird, überschreitet absichtlich Schmerzgrenzen, um dem Alltag näherzukommen.
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Schon im alten Griechenland schrieb man die Epilepsie den göttlichen Krankheiten zu. Und auch so manchem alttestamentarischen Propheten, wie zum Beispiel Ezekiel, wird nachgesagt, »fallsüchtig« gewesen zu sein. In Katrin Gebbes »Tore tanzt« wird dieser alte Zusammenhang aufgefrischt. Tore (Julius Feldmeier), irgendwo auf der Schwelle zwischen Teen und Twen, ist Jesus-Freak. Er hört Rock und Punk und hält sich an Zölibat und Alkohol- beziehungsweise Drogenverbot. Tore ist sogar straighter als seine Freunde, die gerne mal was ausprobieren würden. Und so wird Tore getrieben, zwischen Verblendung, Angst, Naivität, aber auch auf einer wirklich konkreten Position aufbauend: Nächstenliebe. Wer sich an Fürst Myschkin aus Dostojewskis »Idiot« erinnert fühlt, liegt sicher nicht falsch. Doch heißt die Nemesis hier nicht Rogoshin, sondern Benno (Sascha Geršak). Benno ist fasziniert von Tores Naivität und folgt seiner Einladung zu einem Freak-Gottesdienst, Punkkonzert inklusive. Im Gegenzug nimmt er ihn mit zu seiner Patchwork-Familie, die gerade im Schrebergarten lebt. Da Tore von seinen Mitstreitern enttäuscht ist und außerdem Bennos Stieftochter Sanny mehr als interessant findet, bleibt er.


Nach und nach zeigt Benno sein wahres Gesicht. Relativ schnell wird klar, dass es sich um einen Psychopathen handelt, selbst wenn die Gemeinheiten anfänglich noch fein ausgelotet sind. Benno, der zudem eifersüchtig auf die gute Beziehung von Tore und Sanny scheint, dreht die Schraube des Terrors immer weiter. Tore flüchtet nicht. Ein selbst gewähltes Martyrium beginnt.

 


Alle Jahre wieder kommen »Folterfilme« auf den Markt (»Dogtooth«, »Martyrs«), aber »Tore tanzt« funktioniert abseits von Genre-Konventionen. Statt körperliche Gewalt in den Vordergrund zu stellen, handelt es sich um eine schmerzhaft realistische Darstellung, wie Misshandlungen psychologisch funktionieren und im wahren Leben unentdeckt bleiben können. Dieser tödliche Cocktail aus Angst, Schuld, Scham und Verantwortung wird erschreckend genau analysiert. Am Ende wirkt die »verblendete« Figur Tore fast schon normal. Dabei – schrecklich, aber wahr – besitzen die gezeigten Familienverhältnisse Alltäglichkeit.

 


»Tore tanzt« (D 2013; R: Katrin Gebbe; D: Julius Feldmeier, Sascha Geršak, Swantje Kohlhof; Kinostart: 28.11.)