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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Künstler des Monats unserer Aprilausgabe

Tony Futura's Popkulturhassliebe

Tony Futura verknotet auf witzige, kritische und doppeldeutige Art und Weise Pop, Politik und Werbung miteinander. Auf seinem Instagram-Account folgen ihm 79.000 Menschen. Der Senior Art Director stellte uns für unsere Aprilausgabe freundlicherweise einige seiner Arbeiten zur Verfügung. Daniel Koch und Frederike Wetzels hatten zuvor noch ein paar drängende Fragen an Futura.
Geschrieben am
In einem Interview hast mal du den schönen Satz gesagt: »Es war nie meine Absicht, dass der Account zur großen Systemkritik wird.« Anscheinend ist dein Instagram-Account aber inzwischen für einige genau das geworden. Wie gehst du damit um? 
Naja, ich hab trotzdem keine großen Ambitionen entwickelt, die Welt zu verändern. Ich bin zwar ein großer Fan von kritischen und politischen Plakaten, generell aber interessieren mich eher die visuellen Ideen daran anstatt der Antrieb dahinter. Klar versuche ich auch ein gewisses Level an Aussage zu halten, damit meine Arbeiten nicht beliebig werden. Da ich aber selbst eher unpolitisch bin, will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und so tun, als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen. Ich versuche einfach weiterhin, das zu tun, was ich für richtig halte und auch in einem Maß, das ich als angebracht empfinde, denn ich bin kein Freund von hohen Erwartungen. Schon gar nicht, wenn's nicht meine eigenen sind.  

Ich finde, deine Motive sind einerseits sehr liebevoll, andererseits oft sehr bissig. Als Hobbypsychologe würde ich jetzt die These aufstellen, dich verbinde eine Hassliebe mit der Popkultur. Oder wie würdest du diese Beziehung diagnostizieren? 
Das dürfte hinkommen. Ich bin ja auch nur ein Produkt dessen, da liegt es also nahe, dass die Popkultur mir die Grundlage bietet, mit der ich am besten etwas anfangen kann. Ich spiele sehr gerne mit Symbolen. Auch früher, als ich noch viel mehr gezeichnet und gemalt habe, mussten die Bilder immer einen Unterton haben, eine versteckte Botschaft oder Bedeutung. Durch die uns allen bekannten Bilder aus Film, Fernsehen, der Musik, Alltag oder dem Internet kriegt man einen viel schnelleren Bezug zu den Bildern und kann sie sicherlich auch leichter verstehen. Das bietet mir die Möglichkeit, auf einem ähnlichen Level mit dem Betrachter zu sprechen, weil wir beide den Kontext kennen. Soviel zur Liebe. Auf der anderen Seite ist es doch so, dass Pop einen Konsens der Masse darstellt. Etwas, das zugänglich für jeden ist und deshalb auch nichts besonderes. Man erzählt uns, wir sollen individuell sein und teilt uns gleichzeitig in Zielgruppen ein. Ich bin ja genauso: Tagsüber arbeite ich in der Werbung, nachts baue ich kleine Bilder gegen den Kapitalismus. Das ist das, was mich daran fasziniert: die zwei Seiten der Medaille.  
Du hast mit einigen Motiven, die du bisher in erster Linie auf Instagram postest, schon viralen Wirbel erzeugt. Wie geht es jetzt weiter? Gibt’s deine Sachen bald auf Großleinwand? Oder als Skulptur? 
Es ist ein schönes Gefühl, wenn man sieht, wie weit sich das teilweise trägt. Irgendjemand hatte eine Auswahl meiner Bilder auf 9gag.com hochgeladen und ich hab's dann auf der Hotpage mitbekommen, wie Millionen andere auch. Das war schon überraschend. In der Tat arbeite ich gerade daran, ausgewählte Stücke als Skulpturen umzusetzen. Jeden Tag kommen verschiedene Angebote rein, eine Ausstellung hier oder dort zu machen oder Prints auf Masse zu verkaufen. Ich will aber nichts überstürzen und mir genau überlegen, mit wem ich wann und wo den nächsten Schritt gehen will.  

Warum hast du ausgerechnet Instagram als Ausspielmedium gewählt?
Das kam eigentlich daher, dass ich mich selbst ein bisschen mehr herausfordern wollte. Ich wollte mir selbst einen Grund geben, wieder mehr kreativ zu werden und meinen Kopf zu benutzen. Instagram bietet sich als sehr schnelles Medium einfach an, weil man sich quasi täglich damit beschäftigt und so auch dran bleibt. Hinzu kommt, dass man auf sehr direkt mit anderen interagieren kann, weil jeder direkt sieht, was aktuell passiert und meine Bilder nicht auf irgendeiner Website oder im Facebook-Algorithmus stecken bleiben. Das war also nur ein kleiner Trick, um mir mehr die Augen für inspirierende Dinge zu öffnen.  

Wie bist du auf die Idee mit den Collagen gekommen?

Naja, hab ich nicht viel übrig für langweilige Selfies und Fotos von meinem täglichen Essen und dachte mir, wenn ich schon irgendwas mit der Welt da draußen teilen will, dann muss ich mir was überlegen. Generell ist das, was ich mache auch sehr einfach. Wenn man weiß, wie ein Bild inhaltlich und optisch wirkt, kann man damit spielen und die Annahme des Betrachters umkehren. So funktionieren ja auch einfache Witze. Das alles macht mir schon seit dem Studium ziemlichen Spaß und ist jedesmal auf's Neue auch für mich überraschend.    

Du versuchst, täglich eine neue Collage auf deinem Instagram-Account zu posten. Was machst du abgesehen davon noch?
Täglich klappt es nicht mehr ganz, da das alles mittlerweile auch immer mehr Arbeit außerhalb des eigentlichen Accounts mit sich zieht. Sogar Magazine und Zeitungen wie Esquire und die New York Times sind jetzt interessiert und fragen mich, ob ich Illustrationen für Artikel liefern kann. Das Organisatorische lag mir noch nie besonders. Ansonsten arbeite ich in einer Werbeagentur hier in Kreuzberg und zeichne gerne oder fotografiere – wenn ich denn Zeit habe. Aber das nun wirklich eher auf Hobby-Niveau.  

Ich fand es sehr interessant, dass du den Bogen zur Tradition der KünstlerInnen-Karikatur schlägst, die ja in der Kunst schon eine lange Geschichte hat. Gab es einen historischen Vorläufer, den du genau dafür schätzt?

Eigentlich nicht. Ehrlich gesagt denke ich auch nicht, dass ich viel von Kunst verstehe. Ich habe Design studiert und auch sonst einen eher gestalterischen und werblichen Hintergrund. Banksy jedoch war früher sehr inspirierend für mich, seine plakativen und sehr symbolischen Stencils haben es für mich damals auf den Punkt gebracht. Ansonsten bin ich sehr durch Werbung beeinflusst, denke ich, davon sehe ich eben auch am meisten.  

Wer mit Popkultur spielt und diese auf die Schippe nimmt, macht sich ja auch viele Feinde. Was war die schönste und schlimmste Beleidigung, die du über deine Arbeit lesen konntest?  
Haha, ach Internet-Kommentare. Das reicht von »A celebration of sexism« über »No talent at all!!!!« bis »yeah, it's creative like obama :/«, wobei ich nie ganz verstanden habe, worum es beim letzten Kommentar geht. Viele Leute fühlen sich immer so krass angegriffen, finden dass ich Frauen objektiviere oder Veteranen in den Schmutz ziehe. Einer meinte mal, dass der »Piss Christ« von Andres Serrano Kinderkram ist, in Vergleich zu dem Bild, in dem amerikanische Soldaten in Iwo Jima eine McDonalds-Filiale errichten. Das empfand ich dann doch schon eher als Kompliment. Mir geht's auch weniger darum, dass jeder mag was ich tue, sondern viel mehr um die Diskussionen, die deswegen angeregt werden und darum, dass Leute sich Gedanken darüber machen, wie wir leben und wie wir uns als Menschen sehen. Achso, ganz besonders schön fand ich: "This is an inexcusable objectification of glorious and affordable food. Shame on this foodenist pig."