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Semantics II. Mögliche Musiken im Zeitalter der Desillusion

Thomas Miessgang

Wie passen Aufsätze über Boygroups, Tricky und den Komponisten Steve Reich in ein Buch? Das Problem solcher auf Zweitverwertung basierenden Textsammlungen tritt bei Miessgang schon über das Inhaltsverzeichnis zutage. Der Untertitel des Buches ist entsprechend schwammig gewählt: "Mögliche Musiken im
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Wie passen Aufsätze über Boygroups, Tricky und den Komponisten Steve Reich in ein Buch? Das Problem solcher auf Zweitverwertung basierenden Textsammlungen tritt bei Miessgang schon über das Inhaltsverzeichnis zutage. Der Untertitel des Buches ist entsprechend schwammig gewählt: "Mögliche Musiken im Zeitalter der Desillusion". Das Durcheinander kann aber durchaus auch programmatisch gelesen werden, ein möglicher Bezugspunkt wäre John Zorn, dem Miessgang ein eigenes Kapitel gewidmet hat. So wie John Zorn alle nur denkbaren Stile geplündert und collagiert hat, blicken Miessgangs Essays auf eine noch relativ junge Phase, in der alte Zuweisungen von E- und U-Musik nicht mehr greifen. Deshalb kann hier auch Jim O'Rourke beherzt über Karl Heinz Stockhausen lästern und Steve Reich seine Liebe zur Popmusik kundtun. Doch Thomas Miessgang geht es keineswegs darum, die große Beliebigkeit auszurufen.

Schon die Auswahl der Interviewpartner und Essays von Bill Frissell bis zu Sun Ra macht klar, dass seine Vorlieben bei jener Musik liegen, die vor einigen Jahren noch vollmundig Avantgarde genannt wurde. Dieser Begriff ist jedoch obsolet geworden - die Fortschrittlichkeit einer Musik definiert sich längst nicht mehr über Genres, der "ernste" Gehalt nicht mehr darüber, ob jemand bei Deutsche Grammophon oder Mego veröffentlicht. Vielleicht bezieht sich die Bezeichnung "Desillusion" im Untertitel auf genau diesen Zustand: Die bequemen Zuweisungen und Etiketten funktionieren nicht mehr. Viele der hier versammelten, in fast lockerem Plauderton gehaltenen Interviews zeigen jedoch, dass gerade Musiker von dieser neuen Situation profitieren, sich ungebundener fühlen. Dass die Barrieren zwischen Klassik, Jazz und Pop fast völlig niedergerissen sind, ist auch für Miessgang kein Grund zum Kulturpessimismus.

Die Qualität des Buches, das weniger analysieren als dokumentieren will, liegt deshalb auch in seinem undogmatischen Mix, der problemlos zwischen Ligeti und HipHop, Bach und Technohouse hin und her springt.

(Triton Verlag, 240 S., EUR 18,-)