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Aus einem anderen deutschen Leben

Thomas Harlan / Wandersplitter

Gespräche mit Thomas Harlan im Kino und als Buch. Dazu neue Erzählungen des Filmemachers, Schriftstellers und Nazijägers, der einst die Kinos anzündete, in denen nach dem Krieg noch Filme seines Vaters Veit Harlan gezeigt wurden. Eine Würdigung.Im September erscheint endlich Thomas Harlans Erzählung
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Gespräche mit Thomas Harlan im Kino und als Buch. Dazu neue Erzählungen des Filmemachers, Schriftstellers und Nazijägers, der einst die Kinos anzündete, in denen nach dem Krieg noch Filme seines Vaters Veit Harlan gezeigt wurden. Eine Würdigung.

Im September erscheint endlich Thomas Harlans Erzählungenzyklus "Die Stadt Ys", flankiert von Jean-Pierre Stephans durch Dokumente, Bilder sowie Archivschätze geweitetem Gesprächsband "Thomas Harlan - Das Gesicht deines Feindes. Ein deutsches Leben". Derweil startet im Kino Christoph Hübners und Gabriele Voss' "Thomas Harlan - Wandersplitter"; die DVD-Fassung - halb "Director's Cut de luxe", halb interaktives Experiment - soll parallel dazu in den Handel kommen.

In den meisten Darstellungen, quer durch alle Medien, ist Thomas Harlan vorrangig der Sohn von Hilde Körber und Veit Harlan, einem der entscheidenden deutschen Filmemacher der 30er- bis 50er-Jahre. "Jud Süß", Veit Harlans historisch notorischstes Werk, machte ihn zu einem Verfemten des Kinos. Weshalb Thomas Harlans Lebenswerk, all sein Schaffen und Suchen und Werden, meist psychologisch gedeutet wird. Dann gelten seine frühen Stücke aus den 50ern, kulminierend in "Ich selbst und kein Engel - Chronik aus dem Warschauer Ghetto", seine Jagd auf Nazi-Verbrecher in den 60er-Jahren, sein schmales, aber reiches filmisches Schaffen in den 70ern und 80ern mit "Wundkanal. Hinrichtung für vier Stimmen", seine Triumphe als Romancier in den Nullerjahren des dritten Millenniums mit "Rosa" und "Heldenfriedhof" vor allem als Reaktion auf die moralischen Versäumnisse, Vergehen, Verbrechen des Vaters. Das stimmt vielleicht sogar und ist ja auch nicht schlimm. Wichtiger aber wäre es, Harlans Arbeit als Konsequenz von Lern- und Erkenntnisprozessen zu verstehen. Da hat einer sein Unrecht, wie abstrakt es sein bzw. wirken mag, erkannt. Nun versucht er, andere Wege zu begehen. Einige davon müssen erst durch Dickichte gehackt werden. Andere sind unter Sträuchern verborgen, allein die Erinnerung legt sie wieder frei.

Im Zentrum von Harlans Werk steht die Frage, wie das Leben durch die Biografien vieler anderer zum eigenen wird. "Thomas Harlan - Wandersplitter" ist angelegt als Anti-Biografie und beginnt mit einer Erzählung "ohne ich", in der es um Zeugenschaft geht. Harlan bezeugt das Leben eines Sowjet-Bürgers, den er zwar nicht kennt, der ihn aber eines Tages in seine Wohnung mitnahm, um ihm alte Zeitungen zu zeigen, die beweisen, dass er in einem entscheidenden Jahr in Deutschland gewesen war. Es geht um historische Solidarität. "Wundkanal. Hinrichtung für vier Stimmen" erzählt davon, wie - Schatten des bewaffneten Kampfes in der Bundesrepublik - ein Nazi so lange drastisch bearbeitet wird, bis er seine Taten wider die Menschlichkeit gesteht. Zwischen der Zeugenschaft und dem Geständnis liegen immer Akten und Beweise. Das Gewebe aus Erzählungen, Perspektiven, Ebenen, Zeiten, Stilen und Brüchen, das Harlans Roman "Heldenfriedhof" ist, wird von Fotos diverser Haupt- und Nebencharaktere der Geschichte geklammert. Das Gefühl des Augenblicks darin ist brutal, übrig bleibt das Dokument.

Thomas Harlan wäre es lieber, die Menschen würden einfach die Wahrheit sagen und sich der Gnade ergeben, die in allen Menschen lebt. Im schlimmsten Fall wären dann die Verbrecher geächtet und deshalb allein unter sich. In der Geschichte waren sie immer unter uns. So muss es zwar nicht weitergehen. Aber kann Veränderung ein Ereignis werden zu einer Zeit in einem Land, das einem Versager am Leben wie Günther Grass nicht das Wirken eines Heinz von Cramer oder eben eines Thomas Harlan entgegenhält? Gerade dann.

Thomas Harlan - Wandersplitter
D 2006
R: Christoph Hübner; 30.08.

Thomas Harlan
Die Stadt Ys
Eichborn, 280 S., EUR 19,95

Jean-Pierre Stephan
Thomas Harlan - Das Gesicht deines Feindes. Ein deutsches Leben
Eichborn, 280 S., EUR 22,95