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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die ersten ihrer Art

Theodore Sturgeon

"Er war gerade furchtsam genug, um seine Knochen beisammen und gut geschmiert zu halten. Er war unfähig, etwas vorauszusehen. Der erhobene Stock, der fliegende Stein trafen ihn unerwartet. Aber auf Berührung reagierte er. Er floh." Eine Art instinktgeleitetes Fluchttier ist der Idiot. Ein Andersarti
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"Er war gerade furchtsam genug, um seine Knochen beisammen und gut geschmiert zu halten. Er war unfähig, etwas vorauszusehen. Der erhobene Stock, der fliegende Stein trafen ihn unerwartet. Aber auf Berührung reagierte er. Er floh." Eine Art instinktgeleitetes Fluchttier ist der Idiot. Ein Andersartiger, furchtsam und ängstlich in einer feindlich gesinnten Welt dahinvegetierend, ständig auf der Hut vor seinen Artgenossen. Im Verlauf des neuübersetzten Science-Fiction-Klassikers "Die Ersten Ihrer Art" (engl. "More Than Human", 1953) wird Lone, so der Name des Idioten, mehr oder weniger intuitiv einige Kinder zusammenbringen. Allesamt Benachteiligte, Unbeachtete oder Ausgestoßene. Gemeinsam werden sie sich nach und nach ihrer außergewöhnlichen Kräfte bewusst, im Wald lebend, am Rande der Zivilisation.

Das Mädchen Jamie hat telekinetische Fähigkeiten, die schwarzen Zwillinge Bonnie und Beanie sind lebende Teleporter. Baby, ein "mongoloider" Säugling, ist eine Art allwissender Computer. Als Lone bei einem Unfall ums Leben kommt, nimmt der kleine Gerry, ein Telepath, seine Stelle ein. Zusammen sind sie das, was ihr US-amerikanischer Autor Theodore Sturgeon, inspiriert von der Gestaltpsychologie, "Homo Gestalt" nennt. Ihre individuellen Ausnahmefähigkeiten sind zur Einheit verschmolzen in einem überlegenen Homo Superior, der in der Science-Fiction-Literatur nicht nur bei Sturgeon ein zentrales prosaisches Motiv darstellt. Ausgehend vom Homo Sapiens erscheint der Homo Superior als nächster logischer Schritt der Evolution. Mit ihm wird alles anders. Oder besser. Denn Sturgeon, den man nicht grundlos zu den größten Stilisten, Dialogkünstlern und raffiniertesten (analytisch orientierten) Psychologen des gerade in literarischer Hinsicht heftig gescholtenen Genres zählt, gilt in der Science-Fiction gleichzeitig als unverbesserlicher Romantiker mit reichlich humanistischem Ethos.

Von Haudraufkollegen und Imperialismusfreaks wie Asimov, van Vogt oder Heinlein distanziert Sturgeon neben seiner ausgeprägten Vorliebe für märchenhaft-bizarre Handlungen (mit entsprechend skurrilen Figuren) und einer beharrlichen Indifferenz gegenüber Wissenschaft und Technik, ein konsequentes literarisches Eintreten für die Schwachen des Planeten sowie ein unbeirrter Rousseau'scher Glaube an das Grundgute im Menschen. Aus dieser Perspektive scheint es nur konsequent, jedoch ebenso sentimental, dass der Roman im letzten Drittel eine marmeladensüße moralisch-ethische Kurve beschreibt: Nach einem so ziellosen wie bösartigen Machttrip Gerrys in die Welt der in der Evolution zurückgebliebenen Menschenkinder, verabreicht der Autor seinem gleichermaßen gefährdeten, wie gefährlichen Homo Superior ein Gewissen in Gestalt eines neuen Mitglieds. Und alles wird gut. Leider.

(Argument Verlag, 255 S., EUR 10,50)