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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Futuristischer Fiebertraum

»The Zero Theorem«

Terry Gilliam lässt uns an einem neuen futuristischen Fiebertraum teilhaben. Der handelt von Reizüberflutung und von Zahlen, die ein Eigenleben entwickeln.
Geschrieben am
Qohen Leth (Christoph Waltz) passt einfach nicht in die Welt, in der er lebt. Der Misanthrop fristet sein Einsiedler-Dasein in einer ausgebrannten Kirche. Die Buntglasfenster reichen bis weit nach oben. Darunter stapeln sich dreckiges Geschirr und Pizzakartons. Der seltsame Kauz isst nichts, was Geschmack hat, und begibt sich nur sehr widerwillig auf die Straßen der Stadt. Berührungen sind absolut tabu. Wenn er doch mal die Tür zur Außenwelt öffnet, um zu seiner Arbeitsstätte zu gelangen, bricht er angesichts der Reizüberflutung der futuristischen Umwelt fast zusammen. Laufschriften überall, die Farben grell, die Töne schrill. Die Kommerzialisierung des Alltags hat perverse Ausmaße angenommen. Das Ziel ist der schnelle Kick. Insofern ist »The Zero Theorem« keine Dystopie und weit weniger dunkel als sein geistiger Cousin, Gilliams »Brazil« aus dem Jahr 1985, denn die Menschen steuern zwar auf ihren Untergang zu, haben aber mächtig Spaß dabei. Nur eben Qohen nicht. Leider ist der aber genial in dem, was er tut. Als Computerdrohne löst er esoterische Gleichungen. Zahlen, die ein Eigenleben entwickelt haben. »Management« (Matt Damon), der mysteriöse Boss, erkennt sein Potenzial und gibt ihm eine Aufgabe, an der schon viele wache Geister gescheitert sind. Qohen möchte aber eigentlich nur nach Hause und auf den Anruf warten, der wieder Sinn in sein Leben bringt. 

Den sucht auch Ex-Monty-Python-Mitglied Terry Gilliam immer wieder in seinen Erzählungen. Nicht zuletzt trägt ja auch der letzte Film der Pythons den Titel »Der Sinn des Lebens«. Wieder hat er einen hilflosen Protagonisten geschaffen, der durch die Geschichte treibt, in ihr aneckt und vor ihr kapituliert. Die geistige Verwandtschaft zu seinen großen Zukunftsvisionen ist deutlich erkennbar: Das Tribunal der Wissenschaftler in »12 Monkeys« (1995) spiegelt sich in einem absurden Arztbesuch wider. Der Supercomputer wiederum, in dem die esoterischen Daten gespeichert werden, steht in einer riesigen Halle, die an Sam Lowrys Endstation in »Brazil« erinnert. »The Zero Theorem« ist ein Fest für Gilliam-Connaisseure. Ein futuristischer Fiebertraum in knalligem UV-Licht. Ein kantiges Konstrukt, das die Hinrwindungen verdreht. In seiner Umsetzung alles andere als perfekt – aber eben ein echter Gilliam.
– »The Zero Theorem« (GB 2014; R: Terry Gilliam; D: Christoph Waltz, David Thewlis, Lucas Hedges, Mélanie Thierry; Kinostart: 27.11.14)