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The Wind That Shakes The Barley

Die Vergangenheit stößt bei Filmemachern gegenwärtig kaum noch auf Interesse, wenn es sich nicht gerade um DIE Vergangenheit handelt oder Stoff für ein Biopic abfällt. Nur ausgesprochen politische Kräfte wie Ken Loach sehen in ihr noch mehr als eine Masse toter Leiber. Für den britischen Regisseur w
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Die Vergangenheit stößt bei Filmemachern gegenwärtig kaum noch auf Interesse, wenn es sich nicht gerade um DIE Vergangenheit handelt oder Stoff für ein Biopic abfällt. Nur ausgesprochen politische Kräfte wie Ken Loach sehen in ihr noch mehr als eine Masse toter Leiber. Für den britischen Regisseur wirkt der von 1919 bis 1921 geführte irische Unabhängigkeitskrieg mit seinen Folgen immer noch nach, weshalb er ihm eines seiner eher seltenen “period pieces” widmet.

Loach entfaltet allerdings kein historisches Panorama, sondern betreibt “Geschichte von unten” und verfolgt die Ereignisse aus der Perspektive einer Gruppe junger Iren. 1920, ein Jahr, nachdem sich die bei der Wahl siegreiche Sinn-Féin-Partei geweigert hat, als Regionalvertretung ins britische Unterhaus einzuziehen, stattdessen mit dem Dáil Éireann ein Landesparlament geschaffen und die Unabhängigkeit Irlands ausgerufen hat, was die englische Armee auf den Plan rief, entschließen sich die Jugendlichen zur Teilnahme an dem Krieg.

Die fortwährenden Schikanen der englischen Soldaten treiben sie zu Truppenübungen. Nur mit einer Art Hockey-Schläger als Waffe ausgestattet, gleicht das zunächst eher einem Cowboy-und-Indianer-Spiel, aber nach einem Überfall auf eine Wache und weiteren Coups werden die Freunde bald zu einem regulären Teil der IRA. Politische Differenzen gibt es zwischen ihnen nicht. Der gemeinsame Feind eint Sozialisten und Katholiken.

Erst nach dem Waffenstillstand und den Friedensverhandlungen spaltet sich die Gruppe in solche, die für ein wirklich freies Irland weiterkämpfen wollen, und andere, die sich mit dem Ergebnis zufrieden geben und als Angehörige der neuen Ordnungsmacht bald ihren eigenen Kameraden gegenüberstehen.

Mit einem feinen Gespür für Schauspieler, stimmige Dialoge und Sprachfärbungen schafft Ken Loach wieder einmal ein lebendiges Soziotop. Allerdings kommt es nicht recht zur Entfaltung, weil der Regisseur es an der kurzen Leine seiner recht schematischen Dramaturgie hält. So macht er Damien und seinen Bruder Teddy zu den Protagonisten des Konflikts zwischen Sozialisten und Katholiken, um theatralischen Mehrwert zu produzieren, und treibt den in der Familie bleibenden Twist dann auch noch gnadenlos bis zum Showdown.

Politisch ist das Kunstwerk dagegen offener. Loach schwelgt nicht in Befreiungskriegspathos. Seine Figuren kämpfen immer wieder gegen moralische Skrupel an – und haben auch allen Grund dazu, wenn sie etwa einen der ihren wegen Verrats exekutieren. Auch mit Kritik an der Politik der IRA, die sich mit Berufung auf das Kriegsrecht sogar über Gerichtsbeschlüsse der eigenen Landsleute hinwegsetzt, spart der Film nicht. Nicht einmal eindeutig Partei für Damien oder Teddy ergreift er. Umso deutlicher wurde Ken Loach in Interviews: “Wenn wir die Wahrheit über die Vergangenheit erzählen, erzählen wir vielleicht auch die Wahrheit über die Gegenwart”, sagte er bei der Verleihung der Goldenen Palme in Cannes und zog in Interviews Parallelen zwischen dem Irland von damals und dem Irak von heute.