×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Facebook im Kino: In Your Face, Mark!

The Social Network

David Fincher verfilmt das Leben des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg. Intro-Redakteur Wolfgang Frömberg, der kein Mitglied bei Facebook ist, gefällt das.
Geschrieben am
David Fincher verfilmt das Leben des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg. Intro-Redakteur Wolfgang Frömberg, der kein Mitglied bei Facebook ist, gefällt das.

Bist du süchtig nach den 1000 Augen deines erweiterten Freundeskreises? Es spielt keine Rolle, ob man auf ein eigenes Profil lieber verzichtet oder täglich viele Stunden Däumchen drehend im Netzwerk verbringt - folgende Frage wird sich wohl jeder schon gestellt haben: Welches Arschloch hat eigentlich Facebook erfunden?

Das Arschloch heißt Mark Zuckerberg. Der Mann ist Anfang zwanzig und schwimmt im Geld. Dazu ist er ein hochintelligentes Exemplar aus der Fabrik für Vorzeigenerds mit argen Defiziten im zwischenmenschlichen Bereich. Das legt zumindest die Handlung von David Finchers Lehrstück "The Social Network" nahe, worin der supererfolgreiche Jungunternehmer von Hollywoods neuem Goldlöckchen Jesse Eisenberg ("Adventureland") gespielt wird. Kaum verwunderlich, dass Zuckerberg den Daumen nach unten hält, sobald es um die öffentliche Bewertung des Films geht, der mehr als einen Schwank aus seinem Leben zu erzählen vorgibt, und für dessen Drehbuch Aaron Sorkin ("The West Wing") verantwortlich ist. Der Typ in dem Film ist nicht unbedingt einer, mit dem man Pferde stehlen oder den Abend vorm Kamin verbringen will.

In einer ruhigen Minute muss Zuckerberg neben dem Verlust von ein paar Millionen Dollar wegen der vermeintlichen Aneignung geistigen Eigentums auch noch ein bitteres moralisches Urteil über sich ergehen lassen. Hat er das wirklich verdient? Wer Privatsphäre im Jahr 2010 zu einem Relikt der Vergangenheit erklärt, wie der reale Zuckerberg das im Kampf gegen Datenschutzbestimmungen getan hat, sollte sich über eine solche Geschichte eher nicht ärgern. Denn wenn sie gut erzählt wird, erlangt sie sowieso eine Bedeutung, die über die Schicksale der in sie verwickelten Figuren hinausweist – und manchmal gar von ihnen ablenkt. Davon abgesehen, dass eine menschliche Existenz sich durch mehr als eine Seite auszeichnet.

Regisseur David Fincher hat sich schon mit lebensunfähigen Freaks beschäftigt, die in die Medien drängen ("Seven", "Zodiac"). Er hat sich mit Geheimgesellschaften und dem kalten Schrecken privater Rückzugsorte auseinandergesetzt ( "Fight Club", "Panic Room"). "The Social Network" vereint viele seiner bisherigen Motive. Der Film stützt sich auf die Buchvorlage von Ben Mezrich. Dessen semifiktionaler Enthüllungssachroman “The Accidental Billionaires: The Founding Of Facebook, A Tale Of Sex, Money, Genius, And Betrayal“ steht im weitesten Sinne in der Tradition der US-amerikanischen Tatsachenromane seit Truman Capotes "In Cold Blood". Solche Bücher, deren Prinzip Norman Mailer in seinen Werken über den Marsch aufs Pentagon, Gary Gilmore und Marylin Monroe auf die Spitze trieb, haben den Vorteil, dass sie sich an sehr spannenden wahren Begebenheiten und echten Personen abarbeiten. Ein weiterer Vorteil ist, dass man schwer einschätzen kann, was an ihnen fundiert recherchiert und was erfunden ist.



Science-Fiction-Autor William Gibson hat im Gespräch mit Intro mal in Bezug auf Metallica-Drummer Lars Ulrich darauf hingewiesen, dass der Musiker eine wichtige Regel nicht befolgt habe. Wer ein Arschloch sei, sollte Sorge tragen, dies öffentlich zu kaschieren, anstatt es laut und deutlich zu demonstrieren. Arschloch Zuckerberg ignoriert diese Vorgabe an einem Abend im Herbst 2003. Ungefähr so wie Ulrich es tat, als er Napster verklagte. Nachdem Mark Zuckerbergs Freundin Erica Albright (Rooney Mara) während eines Dates mit ihm Schluss macht, schreibt er nämlich ein paar unfeine Bemerkungen über sie in seinen Blog. Dann hackt er die Jahrbuch-Seiten verschiedener Universitäten und benutzt die Porträts der weiblichen Studenten für die Seite facemash.com, auf der er zum Anklicken der besser aussehenden Studentin im 1:1-Duell mit einer Kontrahentin einlädt. Die Seite verzeichnet innerhalb einer Stunde so viele Zugriffe, dass nicht nur die Sicherheitsbehörden auf Zuckerberg aufmerksam werden. Er gewinnt neue Geschäftspartner. Den Respekt seiner Ex-Freundin aber verliert er.

David Fincher inszeniert das kurze Date, das den Film eröffnet, als eloquentes Gefecht eines mit sich selbst beschäftigten Paares. Isolation in der Zweisamkeit ist jedoch nicht die schlimmste Strafe, die moderne Zeiten über uns verhängt haben. Den Weg des Protagonisten nach dem Split zurück vor den Rechner in der Studentenbude lässt Fincher durch ruhige Kamerafahrten verfolgen. Sie zeigen einen Einzelgänger im wahrsten Sinne des Wortes, der keine Berührungspunkte zu den übrigen Menschen aufweist, die sonst noch durchs Bild huschen – bloß ein flüchtiger Blick auf den Straßenmusiker ohne Publikum zeugt von einem gewissen Kontakt zu dem, was man Außenwelt nennt. In der Folgezeit bricht dieser Kontakt systematisch weiter ab. Zuckerberg stößt sogar seinen einzigen Freund Eduardo Saverin (Andrew Garfield) vor den Kopf, in dem er ihn nach dem Einzug von Facebook ins Silicon Valley aus der gemeinsamen Firma drängt.

Mark Zuckerberg geht es nicht ums Geld. Er ist fasziniert von exklusiven Studentenclubs in Harvard, in denen Eduardo verkehrt. Und auch die sportlichen Fähigkeiten der Ruder-Cracks Cameron und Tyler Winklevoss (Armie Hammer und Josh Pence) scheinen ihn zu beeindrucken. Fincher rekapituliert  - und zwar anhand des juristischen Streits mit den Söhnen aus gutem Hause um die Rechte an der ursprünglichen Facebook-Idee - die schnelle Erfolgsgeschichte eines von Minderwertigkeitskomplexen beladenen Sozialversagers.

Nach einer Drogeneskapade seines Kompagnons Sean Parker lässt Zuckerberg schließlich noch den letzten Verbündeten fallen. Dass der Musiker Justin Timberlake hier in der Rolle des Napster-Mitbegründers Parker auftaucht, könnte man als Seitenhieb verstehen - womöglich in Richtung eines Arschlochs wie Lars Ulrich. Doch Fincher ist kein Moralist. Er ist auch nicht der Profiler eines vom Erfolg geküssten Psychopathen. Zuckerbergs Biografie und die Erfolgsgeschichte von Facebook weisen schlichtweg darauf hin, dass es sich im Kapitalismus lohnt, über Leichen zu gehen. Natürlich hat Skrupellosigkeit ihren Preis. Aber nur dieser Mark Zuckerberg in David Finchers "The Social Network" schafft das kleine Wunder, trotz 500 Millionen neuer Freunde einsam zu bleiben. Dieser Tatsache muss er am Ende ins Gesicht sehen.


The Social Network
USA 2010
R: David Fincher; D: Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake; 07.10.


Unter www.intro.de/forum:
Auf welche Filme freut ihr euch? Diskutiert mit anderen Intro-Usern!

Mehr zum Thema Film, Kino und neue Trailer unter www.intro.de/film.