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Be seeing you

The Prisoner

“Where am I?” – “In the village.” – “What do you want?” – “Information.” – “Whose side are you on?” – “That would be telling. We want information. Information. Information!” – “You won’t get it.” – “By hook or by crook, we will.” – “Who are you?” – “The new number 2.” – “Who is number 1?” – “You are
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“Where am I?” – “In the village.” – “What do you want?” – “Information.” – “Whose side are you on?” – “That would be telling. We want information. Information. Information!” – “You won’t get it.” – “By hook or by crook, we will.” – “Who are you?” – “The new number 2.” – “Who is number 1?” – “You are number 6.” – “I am not a number – I am a free man!” Mit diesem Dialog beginnen die Episoden eines britischen TV-Klassikers, der wie kein anderer das Stigma “Kult-Serie” verdient.

Als das Produzententeam Saltzman und Broccoli Anfang der 60er einen Hauptdarsteller für die Verfilmung der James-Bond-Romane suchte, fiel der Augenmerk schnell auf den Iren Patrick McGoohan. Dieser hatte sich – neben diversen Theater- und TV-Rollen – durch die Figur des Geheimagenten John Drake in der Serie “Danger Man” des britischen Senders ITV qualifiziert, deren vier von 1960 bis 68 produzierten Staffeln in den USA unter dem Titel “Secret Agent”, in Deutschland als “Geheimauftrag für John Drake” liefen.

Das simple Konzept: In abgeschlossenen Folgen klärt Drake Fälle internationalen Ranges in Zeiten des Kalten Krieges. Dabei, und das war dem bereits zu diesem Zeitpunkt stärker als üblich in den Produktionsprozess eingebundenen McGoohan höchst wichtig, bediente sich Drake stets mehr seines Köpfchens als Gewalt und verschwendete keine Zeit mit amourösen Abenteuern, wie es die ihm mehrfach offerierte Rolle als James Bond erfordert hätte. Dieser entsprach aus ebendiesen Gründen nicht seiner Vorstellung eines Agenten, als strenggläubiger Katholik weigerte sich der als eigenwillig bis schrullig geltende McGoohan zudem, vor der Kamera Frauen zu küssen. Jahre später, als Franchises wie eben Bond oder auch Simon Templar (“The Saint”) erfolgreich an “Danger Man” vorbeigezogen waren, hatte McGoohan endgültig fertig mit Drake und beendete sein Engagement. Nicht aber, ohne ein Folgeprojekt als Autor und Produzent zu präsentieren, das das britische Publikum vor ein großes Rätsel stellen sollte und zunächst als gigantischer Flop in die TV-Geschichte einging: “The Prisoner”.

In der Eingangssequenz sieht man einen namenlos bleibenden Mann, dem Anschein nach wie Drake Geheimagent, seinem Arbeitgeber wutentbrannt die Kündigung auf den Tisch knallen, um dann in seinem Londoner Apartment hektisch die Koffer zu packen. Bis durch den Briefschlitz eingeleitetes Gas ihn betäubt. Er erwacht in einer Art Luxusgefängnis für Wissenschaftler, Spione, Geheimnisträger aller Art – eben jene Art von Menschen, denen von Berufs wegen der Rückzug ins Privatleben unmöglich ist. “The Village”, der Handlungsort der Serie, ist ein surreal anmutendes Dorf mit eigentümlicher Architektur, gleichgeschalteten Bewohnern, einer ausgeklügelten Überwachungsstruktur, Geheimbunkern und Schaltzentralen, und vor allem: keiner Möglichkeit zur Flucht. Namen gibt es nicht, die Insassen sind durchnummeriert – der Titelheld trägt die Nummer 6, was auch der Titel der im ZDF ausgestrahlten Synchronfassung war.

Die zentrale Frage, wer ihn dorthin gebracht hat, und warum, ist das treibende Motiv der Serie und bleibt – wie so vieles – über das Ende hinaus im Dunkeln. Folge für Folge mühen sich die örtlichen Autoritäten, repräsentiert durch eine im Hintergrund bleibende mysteriöse “Nummer 1” und die exekutiv agierende Vertretung “Nummer 2” (die wiederum in jeder Episode von einem anderen Darsteller verkörpert wird), den Grund seiner Kündigung zu erfahren. Diese aber will Nummer 6 ebenso wenig verraten wie seine Individualität, die man ihm mit Mitteln wie Hypnose, Folter und Drogen zu nehmen versucht. Fluchtversuche bleiben erfolglos, jedes Mal, wenn das Verlassen des Dorfes zum Greifen nahe scheint, treibt ihn “Rover”, eine seltsame Kraft in Form eines gigantischen weißen Balles, zurück. Auch der Versuch, den eigenen Standort zu lokalisieren, ist ergebnislos, bis zum Ende ist unklar, ob sich Nummer 6 auf einer Insel, dem Festland, in Russland, Afrika oder Südeuropa befindet. Stattdessen sieht er sich manipulativen Spielchen ausgesetzt, bei denen er mal Teil eines menschlichen Schachspiels im Stile von “Alice im Wunderland” ist, mal unfreiwillig als Kandidat für die Bürgermeisterwahl antritt, sich unvermittelt in einer Westernkulisse wiederfindet oder – unter Drogeneinfluss gegen einen Doppelgänger ausgetauscht – beginnt, an seiner Identität zu zweifeln.

Nach nur 17 Episoden – McGoohan hatte ursprünglich nur sechs geplant und produzierte die weiteren lediglich auf Druck des Senders – kulminiert die Handlung in einer Art kafkaeskem Prozess, in dem sich Nummer 6 und zwei andere Dorfbewohner vor einem Tribunal für ihr Versagen in der Gesellschaft und damit für ihre Individualität verantworten müssen. Am Ende gelingt es ihm dann doch, “Nummer 1” aufzuspüren und diesem die Maske zu entreißen. Wer oder was sich dahinter verbirgt? Diese Lösung deutet sich bei genauerer Betrachtung bereits im Titeldialog an. Auch die anschließende Flucht aus dem “Village” führt zu einem überraschenden Ergebnis.

Mit dem Ansatz, eine Serie als Allegorie auf die Zustände der Zeit anzulegen und mehr in Metaphern als deutlichen Worten die medien- und gesellschaftskritische Handlung voranzutreiben, ist “The Prisoner” eine der skurrilsten wie auch einflussreichsten Serien der TV-Geschichte. Damit sind nicht nur popkulturelle Adelungen in Form von Zitaten bei den Simpsons oder der Song “The Prisoner” auf Iron Maidens “The Number Of The Beast”-Album gemeint – das aktuelle Serienphänomen “Lost” kann als direktes Kind von McGoohans Werk gesehen werden. Auch hier finden sich die Hauptcharaktere an einem ihnen unbekannten Ort wieder, sehen sich Manipulationen nebulöser Herkunft ausgesetzt, werden mehr Fragen gestellt als beantwortet, sind Motive und Hinweise wichtiger als die eigentliche Handlung selbst.

Sowohl ein Kino-Remake (von “Memento”-Regisseur Christopher Nolan) als auch eine sechsteilige TV-Neuauflage sind angeblich in Planung. Ob diese an den Charme des Originals herankommen werden, bleibt abzuwarten. Denn neben allem, was zu dieser Serie noch zu erzählen wäre, ist “The Prisoner” vor allem geistreich, witzig und hervorragend gespielt. Mit seiner lakonisch-spitzbübischen Art hätte McGoohan nämlich auch einen ganz prächtigen James Bond abgegeben.

Auf DVD:

Nummer 6 – The Prisoner
Koch Media
VÖ 20.10.

Danger Man

epiX Media
1. Staffel, Folgen 01-20 / VÖ 16.11.
2. Staffel, Folgen 21-39 / VÖ 07.12.