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The Germans

»Deutschland 83«

»Deutschland 83« lief erst auf der Berlinale, dann im US-Fernsehen und gilt seitdem als große deutsche Serien-Hoffnung. Am 26.11. startet die Serie über einen Stasi-Spion in Westdeutschland auf RTL. 
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Die gute Nachricht: Es gibt endlich eine deutsche Serie, für die sich auch das US-Fernsehen interessiert. Die schlechte Nachricht: »Deutschland 83« ist nicht so gut, wie alle behaupten. Der Tenor der Berichterstattung wechselt zwischen »amerikanischste deutsche Serie« und »beste deutsche Serie«. Wobei das im Endeffekt wohl das Gleiche bedeutet. Die Aussage lautet jedenfalls in beiden Fällen: »Schaut euch diese Serie an!« Dem ist grundsätzlich nichts entgegen zu setzen. Allerdings sind die ersten vier Folgen ausreichend. Danach sollte man lieber zu einer echten amerikanischen Serie wechseln: »The Americans« über zwei Sowjet-Spione in den USA erzählt nicht nur eine spannende Spionage-Geschichte, sondern innerhalb des Genres auch eine glaubwürdige.
Dabei beginnt »Deutschland 83« vielversprechend: Martin Rauch (Jonas Nay), 24 Jahre, Grenzschützer, wird als Stasi-Spion in den Westen geschickt. In einer Bundeswehrkaserne in der Eifel soll er wichtige NATO-Informationen zu der Stationierung der Pershing-II-Raketen beschaffen: »Sind sie bereit, der Partei alles zu opfern? - Natürlich. - Auch ihr Leben? - Ja.« In Wahrheit möchte Martin noch nicht einmal sein Zuhause opfern. Deshalb lässt ihn die Stasi kurzerhand in den Westen entführen und erpresst seine Spionage-Tätigkeit mit dem Versprechen, seiner Mutter eine neue Niere zu beschaffen – und seiner Freundin ein Auto. Martin lässt sich auf den Deal ein, und nach einem Crashkurs in Spionage-Techniken, in dem er lernt, dass Plaste im Westen Plastik heißt, und Schrippen Brötchen sind, ist er ein ausgebildeter Stasi-Spion. Er entwendet geheime Bundeswehrakten, installiert Abhörgeräte und bändelt mit NATO-Sekretärinnen an, während sich seine Freundin in Ost-Berlin noch darüber wundert, wo er geblieben ist.
In »Deutschland 83« geht alles sehr schnell: harte Schnitte, rasante Dialoge, unterschwelliger Humor. Die Macher, Jörg und Anna Winger, wollten etwas Neues machen: Der düsteren Atmosphäre deutscher Serien eine Leichtigkeit entgegen setzen. In den ersten Folgen schaut man sich das gerne an. Danach nimmt die Serie einige absurde Wendungen, die vermeidbar gewesen wären, hätten die Macher ihrem eigenen Drehbuch vertraut. Stattdessen lassen sie ihre Figuren Sätze sagen wie »Wir sind eine Familie und kein geopolitischer Konflikt.«, ohne sich selbst daran zu halten. Denn zu dem Zeitpunkt hat die Serie bereits eine handvoll Protagonisten in sämtliche Konflikte des Jahres 1983 verwickelt: Pershing-II-Raketen und NATO-Manöver, Friedensbewegung und Bhagwan-Kommune, »99 Luftballons« und AIDS.

Das ist viel Stoff für acht Episoden, und hier hätte man sich gewünscht, dass sich »Deutschland 83« tatsächlich amerikanisch gibt, und sich mehr Zeit für die Entwicklung ihrer Figuren nimmt. Gelungen ist die Serie vor allem in ihren deutschen Momenten: Der Brötchen-Schrippen-Humor erinnert an Daniel Brühl und »Goodbye Lenin«. In den Stasi-Büros würde Don Draper vor Retro-Neid erblassen. Und Tom Tykwer-Hauskomponist Reinhold Heil kehrt mit dem Soundtrack zurück zu seinen Ursprüngen als Mitglied der Nina Hagen Band. Es gibt also Gründe, sich auf die nächsten Staffeln zu freuen. Ideen dafür gibt es schon: 1986 und 1989. Solange lohnt sich ein Blick in »The Americans«: Eine der unamerikanischsten unter den US-Serien.

Edward Berger

Deutschland 83 [3 DVDs]

Release: 11.12.2015