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Taktgefühl: Fehlanzeige

Happy-Go-Lucky

Froh zu sein bedarf es wenig? Happiness is a low IQ? Mike Leigh, der - um es im Boxer-Latein auszudrücken - eher für schwere Kost im Kino bekannt ist, macht es dem Publikum auch diesmal nicht leicht: Seine Heldin Poppy ist eine immer fröhliche Nervensäge.
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Froh zu sein bedarf es wenig? Happiness is a low IQ? Mike Leigh, der - um es im Boxer-Latein auszudrücken - eher für schwere Kost im Kino bekannt ist, macht es dem Publikum auch diesmal nicht leicht: Seine Heldin Poppy ist eine immer fröhliche Nervensäge.

 

Poppy (Sally Hawkins) ist genau der Typ, den man sich unter einer extrem nervigen Frau vorstellt: laut, redselig und hysterisch gut drauf. Das bekommt vor allem ihr miesepetriger Fahrlehrer (Eddie Marsan) schmerzhaft zu spüren, den die Heiterkeit der bunt gekleideten Grundschullehrerin in den Wahnsinn treibt.

Was man als Zuschauer von "Happy-Go-Lucky" nur allzu gut verstehen kann: Diese aufgedrehte 30-Jährige samt ihren löchrigen Netzstrümpfen, die sich mit allen Mitteln gegen den Ernst der Realität zu wehren versucht, geht einem, mit Verlaub, tierisch auf die Nerven. Selbst der Verdacht, dass einer ihrer Schüler von seinem Vater verprügelt wird, kann der kichernden Pute ihren Grundoptimismus nicht nehmen. Unbekümmert begleitet sie ihre Freundin in den Flamenco-Kurs, auch wenn sie beim Tanzen ebenso wenig Taktgefühl unter Beweis stellt wie im wahren Leben. Doch was soll's. Poppy ist ihre eigene Spaßgesellschaft!

 

So viel Optimismus lässt die Zuschauer nicht unbeeindruckt: Man wünscht sich nichts sehnlicher, als dass der Protagonistin endlich etwas Schreckliches widerfahren möge. Diese Erlösung gönnt Regisseur Mike Leigh, der eher für harte Sozialdramen wie das über die Engelmacherin "Vera Drake" bekannt ist, dem Publikum nicht. In dieser Auslassung liegt die womöglich größte Qualität des im Rahmen seines Werkes überraschend herausstechenden Filmes. Man wird in Poppys Leben hineingeworfen und am Ende genauso abrupt herauskatapultiert. Ohne große Erklärungen. Ohne Analyse der Charaktere. Ohne Kontextualisierung. Nichts Spektakuläres geschieht.

 

Ja, es passiert eigentlich überhaupt nichts, sieht man vom Schicksal ihres Schülers und Dauerclinch mit dem Fahrlehrer mal ab. Und das ist schon eine Leistung! Bei den Besuchern der diesjährigen Berlinale, auf der "Happy-Go-Lucky" im Wettbewerb zu sehen war, kam das extrem gut an. Sally Hawkins heimste für ihre Rolle sogar den begehrten "Silbernen Bären" als beste Darstellerin ein. Immerhin gelingt es ihr wirklich exzellent, dieses polarisierende Gute-Laune-Monster Poppy darzustellen, das selbst einen Fahrraddiebstahl mit einem Lächeln wegsteckt. Als Zeuge ihrer Fröhlichkeit gibt es nur zwei Möglichkeiten, dieser weltfremden Person entgegenzutreten: mit Sympathie oder mit Aggressionen.