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Der Zausel und das Tresengenie

Sven Regener

Frank mal wieder unterwegs. "Der kleine Bruder" ist der dritte Teil der "Herr Lehmann"-Trilogie. Wolfgang Frömberg traf Sven Regener am Ort der Handlung - in Berlin.
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Frank mal wieder unterwegs. "Der kleine Bruder" ist der dritte Teil der "Herr Lehmann"-Trilogie. Wolfgang Frömberg traf Sven Regener am Ort der Handlung - in Berlin.

Der Tresen des Einfall als Denkmal des Zwischenmenschlichen. Die Straßen Kreuzbergs als Bühne für einen Parforceritt der Gefährten. Die Mauer als Mahnmal der gesellschaftlichen Umstände. Das Bier als Treibstoff aller Gedanken. So lernte die Welt Frank Lehmann kennen, das "Tresengenie", so Autor Sven Regener, von seinen Bekannten nur "Herr Lehmann" genannt. Schöne Vorstellung, wie er gleich zu Beginn der Geschichte einen Hund betrunken macht. Überhaupt ein voller Erfolg für seinen Erfinder. Sogar Regeners Rolle als Sänger von Element Of Crime rückte in den Hintergrund, als sein Kumpel die Bildfläche betrat.

Herr Lehmann war da - und ging nicht mehr. Ein netter Kerl, der nicht von falschem Ehrgeiz zerfressen wird. Ein Loser mit Träne im Knopfloch, der nichts zu verlieren hat. Ein wahrer Meister der Kunst, sich in Gespräche verwickeln zu lassen und im Duett mit seinen Gesprächspartnern Metaebenen zusammenzufalten. Etwa so, wie man trockene Laken zu zweit schrankfertig legt. Nach "Neue Vahr Süd", dem Roman, der u. a. Herrn Lehmanns Zeit beim Bund nachzeichnete, erscheint nun der dritte Teil der Trilogie. Eigentlich der Mittelteil. Das ist ein bisschen wie bei "Star Wars" und Matthew Barney. Kurios: Die Vorgeschichte des Herrn Lehmann trifft sich an einem Punkt mit dem Prolog des Interview-Termins beim Eichborn Verlag.

Der Autor dieser Zeilen fährt just in dem Moment in den Berliner Ostbahnhof ein, als er im Roman die Stelle erreicht hat, wo Frank Lehmann auffällt, dass sich jenseits der Mauer ein Niemandsland erstreckt - und die Stadt nicht wie in Kreuzberg direkt an der Grenze endet. Berlin ist ja noch neu für Frank. Gerade hat er in Bremen die Flucht vorm Militär ergriffen. Jetzt kommt er mit Wolli im Auto in die geteilte Stadt. "Der kleine Bruder" beginnt, wie sich das gehört. Mit einem Gespräch, bei dem Wolli und Frank über Hölzchen und Stöckchen hopsen, um nicht zu tief in der Materie zu versinken.

Die Kunst des Dialogs hat Sven Regener gefressen. Weil er so ein Zausel sei, erklärt er, ständig ins Selbstgespräch vertieft. "Dialoge sind wie Kung-Fu-Kämpfe, auch im richtigen Leben." Wenn er sich etwa vorstelle, wie "Kreuzberger Politfreaks" mit einem Schlauchboot den Ausflugsdampfer von Investoren der Spreebebauung attackieren, so müsse er gleich an die Details ihrer Gedankenspiele denken: Wo bekommt man eigentlich so ein Boot her? Wie hält man sich über Wasser? Wie entert man das Schiff? Und so weiter.

Frank Lehmann zerbricht sich den Kopf darüber, wie er seinen großen Bruder finden kann. Sven Regener schickt ihn in die Hausbesetzerszene, wo er auf Typen trifft, deren Sorgen im Grunde einfach sind. Sie stellen sich aber kompliziert dar, will man die gegenseitigen Verstrickungen objektiv entwirren. Herr Lehmann kennt keine andere Ambition, als der Wahrheit subjektiv auf den Grund zu gehen - und muss im Zuge seiner Bildungsreise erfahren, dass ein Hausbesetzer die Hütte geerbt hat und tatsächlich Miete kassiert. In dieser Anordnung scheint etwas genauso hell auf, wie die Augen des Kölner Realpolitik-Freaks neben mir auf der Rückfahrt im Zug leuchten, als er mir begeistert von Obamas Berlin-Auftritt am selben Tag erzählt. Nämlich folgende Erkenntnis: Es ist nicht alles lustig, was die tägliche Forderung nach Pragmatismus aus den Handelnden herauskitzelt - auch wenn es zunächst witzig erscheint, wie sie versuchen sich über Wasser zu halten. Da ist "Herr Lehmann" realistisch. Viel sympathischer als ein Herr Bush, Putin oder Obama sowieso. Und wenn man dem Erzähler Herr Regener gegenübersitzt, wirkt er auch noch ein wenig lebendiger als in den Geschichten.