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Neue Vahr Süd

Sven Regener

Eichborn, 582 S., EUR 24,90 »Vielleicht wäre es interessant, noch etwas über die Jugend von Herrn Lehmann zu erzählen«, dachte sich Sven Regener nach dem Erfolg seines ersten Romans. Und schon sitzen wir - die Lektüre beginnend - am 30. Juni 1980 mit Frank Lehmann in seinem alten Opel Kadett un
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Eichborn, 582 S., EUR 24,90

»Vielleicht wäre es interessant, noch etwas über die Jugend von Herrn Lehmann zu erzählen«, dachte sich Sven Regener nach dem Erfolg seines ersten Romans. Und schon sitzen wir – die Lektüre beginnend – am 30. Juni 1980 mit Frank Lehmann in seinem alten Opel Kadett und fahren sinnlos durch Bremen. Nicht irgendwo durch Bremen, sondern durch die Neue Vahr Süd, ein Neubauviertel im Osten der Stadt. Frank Lehmann ist antriebsarm und lethargisch: Mit 20 wohnt er noch bei seinen Eltern und muss zum Bund, weil er vergessen hat, zu verweigern. Seine Mutter hat einen Halbtagsjob in einem Imbiss am Bahnhof, und Fränkie besäuft sich im Vahraonenkeller. Die Szenerie ist denkbar trostlos. Also beschließt er, sein Leben zu ändern. Als Erstes mal ausziehen – da bietet sich auch sogleich eine versiffte WG über dem Cinema am hippen Ostertorsteinweg an. Bei der Einzugsparty wirft der junge Herr Lehmann einen tiefen Blick ins Glas und in Birgits Dekolleté, obwohl er sich doch eigentlich für Sibille interessiert. Eine schwierige Angelegenheit, an die politisch engagierte Sibille heranzukommen, wenn man selbst zum Bund geht. Frank versucht, nachträglich zu verweigern, und macht sich an allen Fronten zum Affen. Das Ganze eskaliert bei einer Vereidigung im Weserstadion, wo Frank als Fackelträger in Uniform aufläuft, während seine Freunde demonstrieren ... Zum Glück hat Regener hier nicht eine 80er-Früher-war-alles-so-lustig-Geschichte geschrieben, sondern das Profil seines Protagonisten auf 582 Seiten noch stärker herausgearbeitet als in seinem Debütroman von 2001. Zum Ende wird’s reichlich gemein, Frank Lehmann zieht das Pech nur so an. Wie sonst lässt sich erklären, dass er – der »mehr so der Hippietyp ist« – 15 Monate zum Bund muss und sich dort von Spieß und Stuffz anschreien lässt. Doch die Tücke liegt im Detail, und genau hier glänzt Regeners Stil. Denn es sind die kleinen Lebensweisheiten, die Frank Lehmann von sich gibt, die ihn so sympathisch machen: »Genau das impfen sie einem als kleinem Kind schon ein, dass man bei schönem Wetter auf keinen Fall zu Hause bleiben darf, das kriegt man nie wieder raus« oder »Das wirklich absolut Sinnloseste ist es ja wohl, wenn man einen Satz mit Ich will ja nichts gesagt haben anfängt«. Hinzu kommt die charmante Ironie, mit der Regener sich über den Abkürzungswahn der 80er mokiert, als alle Welt in linken Vereinigungen vom DFG/VK über den KBW bis zur SDAJ organisiert war, bis doch alle Ex-Genossen zu den Grünen wechselten. Ab und an wirkt Lehmanns Ratlosigkeit übertrieben, da nervt das häufige »da muss man mal in Ruhe drüber nachdenken« oder »ich meine, was weiß ich denn«. Überraschend gut also, dieser Folgeroman des Element-Of-Crime-Sängers, aber trotzdem sollte es sich in Zukunft ausgelehmannt haben. Und bitte nicht noch etwas über die Kindheit von Herrn Lehmann erzählen.