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Herr Lehmann

Sven Regener

Eine anstrengende Kneipenschicht ist zu Ende. Herr Lehmann ist todmüde und will ins Bett. Leider versperrt ihm am Lausitzer Platz ein besonders hässlicher Hund, wurstförmig und auf Streichholzbeinen, zähnefletschend den Rest seines Heimwegs. Nach endlosem Hin und Her, dem Erproben verschiedener Stra
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Eine anstrengende Kneipenschicht ist zu Ende. Herr Lehmann ist todmüde und will ins Bett. Leider versperrt ihm am Lausitzer Platz ein besonders hässlicher Hund, wurstförmig und auf Streichholzbeinen, zähnefletschend den Rest seines Heimwegs. Nach endlosem Hin und Her, dem Erproben verschiedener Strategien vom einfühlsamen Hundeflüstern bis zur hysterischen Bestienverhöhnung, liegt der Hund schließlich schnarchend in einer Schnapslache. Herr Lehmann kann nach Hause. Autor dieser ersten komischen Episode des Buches, das so heißt wie seine Hauptfigur, ist Sven Regener, Kopf der Berliner Band Element Of Crime. “Herr Lehmann” ist Regeners Debüt-Roman und gilt schon jetzt als “Berlin-Roman des Jahres”. Eine literarische Sensation? Nicht wirklich. Aber mindestens ein tolles Buch. Herr Lehmann heißt eigentlich Frank, doch niemand nennt ihn mehr so, seit raus ist, dass er demnächst dreißig wird und mit dem Erreichen dieser dunklen Jahreszahl handelsübliche Probleme hat. Die räumlichen und sozialen Grenzen der Lebenswelt von Herrn Lehmann sind denkbar eng gezogen. Ähnliches gilt für seine Bestrebungen und Erwartungen im Hinblick auf seine Zukunft. Herr Lehmann, ein netter Phlegmatiker, wohnt seit neun Jahren im Kreuzberger Viertel SO 36. Er wohnt gern dort, will nirgends sonst hin und verdient seinen Lebensunterhalt mit einem Thekenjob. Weiter braucht es nichts. Ein bisschen Liebe vielleicht. Die wird er bekommen. Seine Kreuzberger Freunde entstammen allesamt demselben beruflichen Mikrosoziotop wie er. Oder haben, wie sein bester Freund Karl, irgendwas mit Kunst zu tun. Eigentlich muss man sagen: Es passiert nicht viel dieser Tage, im Jahr 1989 kurz vor der Maueröffnung, im kreuzbergtypischen Berliner Leben von Herrn Lehmann. Angesichts der ganzen Berlin-Hysterie der letzten Jahre gleichsam eine geniale Idee Regeners. Langweilig ist der Roman deswegen aber nicht. Auch, weil der sympathische Herr Lehmann im Verlauf des Romans immer sympathischer wird. Weil sowohl die Dialoge wie die verschachtelten Selbstreflexionen Herrn Lehmanns wahr und brillant und witzig sind. Weil die Dramaturgie des Romans simpel scheint, es aber niemals ist. Weil gegen Ende wohldosiertes Unheil durch die Wohnzimmerdecken der Protagonisten tropft. Und schließlich, weil Regener das erzählerische Talent hat, noch die ausgenudeltste Alltagssituation in so unangestrengt lakonischer und liebenswert ironischer Weise zu schildern, dass man ihn für “Herr Lehmann” sofort und nur noch umarmen möchte.