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Verständnis für die Dicken

Super Size Me

Was ist denn plötzlich an der Schlankheitsfront los? Ist das schon das 50er-Jahre-Revival? Folgen auf die sieben dürren Jahre jetzt die sieben fetten? Inmitten des herrschenden Mager- und Superschlank-Ideals bekommen die Dicken endlich mal ihr wohlverdientes Verständnis von den Medien, als hätten
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Was ist denn plötzlich an der Schlankheitsfront los? Ist das schon das 50er-Jahre-Revival? Folgen auf die sieben dürren Jahre jetzt die sieben fetten? Inmitten des herrschenden Mager- und Superschlank-Ideals bekommen die Dicken endlich mal ihr wohlverdientes Verständnis von den Medien, als hätten sie jahrelang in Interessengruppen dafür gekämpft. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor Übergewicht. Politiker sagen der Nahrungsmittel-Industrie den Kampf an – und ›Super Size Me‹, der Anti-McDonald’s-Dokumentarfilm von Morgan Spurlock, ist schon jetzt Kult.

»Generation XXL« nennt der Stern das neue Phänomen, von dem angeblich schon weite Teile der Bevölkerung und der Jugend erfasst sind. Der Wohlstandsspeck zieht immer weitere Gürtel: »Die Fast-Food-Kids leben nicht, sie überleben«, fasst der schlanke, fitte Regisseur am Ende des Interviews noch mal die Ergebnisse seines Selbstexperiments zusammen. »Sie werden immer mehr, und sie werden immer dicker: Gut 3,5 Millionen Jungen und Mädchen in Deutschland leiden an Übergewicht. Sie werden ausgegrenzt und beleidigt, haben Krankheiten, die früher nur Erwachsene plagten«, informiert der Stern und liefert in einem 20-seitigen Special auch gleich Bilder von nackten, spannend anzuschauenden dicken Körpern. Ein klein wenig fragt man sich natürlich schon, warum vor etwa zehn Jahren, als das Model-Ideal epidemisch wurde und massenhaft Leiden hervorbrachte, keine Weltgesundheitsorganisation und keine Politiker die Verantwortlichen zur Kasse bitten wollten. Aber vielleicht fehlten auch einfach die passenden Bilder. Womit hätte man die Öffentlichkeit auch aufrütteln sollen? Mit genau den Bildern von Einheitsmodeln, die sowieso alle Frauen in der westlichen Welt repräsentieren? However. Bei der alten, neu entdeckten Volkskrankheit »Übergewicht« geht es, auch in Deutschland, längst nicht mehr um die kleinen Unterschiede, ein paar Kilo mehr oder weniger auf der Waage. »Nicht jeder Teenager muss Modelmaße haben wie Britney Spears oder ein Hering sein wie Justin Timberlake«, zitiert der Stern einen Ernährungsprofessor. Ein bisschen Übergewicht könne durchaus akzeptabel sein.

Morgan Spurlock sitzt derweil in einer schönen, luftigen Hotelsuite am Potsdamer Platz und erzählt den Journalisten immer wieder neu, immer wieder gern seine schauerliche McDonald’s-Leidensgeschichte. Dabei wissen es ohnehin schon alle: Der gute Mann hat noch neun Tage lang weiter morgens, mittags und abends den McDonald’s-Fraß gefressen – obwohl gleich mehrere Ärzte ihn bereits in gesundheitlicher Gefahr wähnten: Er hatte 15 Kilo zugenommen und katastrophale Leber- und Cholesterinwerte. Dass er weitermachte, lässt ihn in den Augen der Journalisten als kleinen Helden dastehen. Aber ein gut gelaunter, hochmotivierter, sendungsbewusster, sehr sympathischer Morgan Spurlock winkt ab. Und erzählt zum wahrscheinlich tausendsten Mal: »Dann sagte mein älterer Bruder zu mir: Morgan, Leute essen diesen Fraß ihr ganzes Leben lang. Glaubst du wirklich, dass es dich in nur neun Tagen umbringen wird? Das fand ich einleuchtend. Also habe ich weitergemacht.« Auf dem Tisch vor ihm steht jetzt ein Teller mit viel, viel gesundem Obst. Als müsse er sich täglich wieder neu von seinem McDonald’s-Schock erholen. »Ich lese andauernd die Nährwertangaben auf den Lebensmittel-Verpackungen«, betont er vergnügt. Und: »Meine Freundin ist schon ganz genervt davon.« Na, die kennt das wahrscheinlich schon ihr ganzes Leben lang. Morgan Spurlock hingegen hat eine Vision: Er will die Welt darüber aufklären, dass die Lunch-Standards an amerikanischen Schulen eine riesige gemeine Frechheit sind. Man sitzt da und staunt, denn der Mann hat ja Recht. Er fordert das, was einem alle Medien täglich entgegenschreien: Esst mehr Obst und Gemüse – aber wie er es bringt, klingt’s toll.

Wer mal Austauschschüler an einer amerikanischen Schule war, wie z. B. die Autorin dieses Artikels, der weiß, dass es verdammt vernünftig und menschenfreundlich ist, auch auf diese Art von Scheiße öffentlich hinzuweisen. »Wenn du jemals einen 15-jährigen Jungen gesehen hast, der Diabetiker ist, dann kannst du nicht mehr darüber nachdenken, ob es ideologisch bedenklich ist, dass ich hier die Werbetrommel für die Fitness-Gesellschaft rühre.«

Klar, sind ja sowieso nur zwei Seiten ein und desselben Problems. Spurlock: »Das Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo alles schnell gehen muss. Die Leute haben gar keine Geduld mehr, ihre Lebensgewohnheiten umzustellen. Sie wollen nächste Woche schlank sein und fressen Diät-Pillen und machen alles nur noch schlimmer. Eine echte Sorge um sich selbst wird doch geradezu strukturell verhindert.« Das ist wohl wahr: Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum man im Restaurant nicht einfach mal einen Teller Rohkost bestellen kann. Oder versucht mal, Salat ohne Sauce zu bestellen. Oder im Café in Richtung Theke zu rufen: »Habt ihr Süßstoff?« Da wird man auch schief angeguckt. Denn die Foucault’sche »Sorge um sich selbst« macht Leuten Angst.

Es gibt auch noch andere Filme zum Thema. Weniger spektakuläre natürlich. Zum Beispiel einen neuen Info-Film von der Adipositas-Stiftung, den sich Schulen und Lehrstätten kostenlos bestellen können und der über die Ausgrenzung und Diskriminierung von übergewichtigen Jugendlichen informiert.

Fettleibigkeit kann krank machen. Manche der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen leiden an Krankheiten, die bislang nur Erwachsene betrafen, wie etwa Diabetes Typ #2, Gallensteine und Fettleber.