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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Schöner lesen unterwegs

Sukultur

Automaten haben etwas Abenteuerliches. Stumm stehen sie irgendwo herum und warten, bis man sich ihnen nähert, ebenso stumm offenbaren sie ihr Angebot: Fahrkarten, Kondome, Zigaretten, Videos, warme Speisen, Süßwaren und mancherorts auch gebrauchte Damenunterwäsche. Nachdem der Kunde sich entschied
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Automaten haben etwas Abenteuerliches. Stumm stehen sie irgendwo herum und warten, bis man sich ihnen nähert, ebenso stumm offenbaren sie ihr Angebot: Fahrkarten, Kondome, Zigaretten, Videos, warme Speisen, Süßwaren und mancherorts auch gebrauchte Damenunterwäsche. Nachdem der Kunde sich entschieden, bezahlt und einige entsprechende Tasten gedrückt hat, gelangt das gewünschte Produkt durch einfache Mechanik, gepaart mit der Kraft der Gravitation, in seine Hände. Man hat etwas erreicht. Und man will es wieder tun: Geld reinschmeißen, Sachen kriegen. Das macht Spaß, vor allem, wenn man sonst nichts zu tun hat. Wenn man z. B. auf die S-Bahn wartet. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie oft ich mir schon am Bahnsteig die Beförderungsbedingungen der BVG durchgelesen habe, oder Zeitungen von vorgestern, weil grade sonst nichts zu lesen da war. Dass das Bedürfnis nach Lesestoff ungefähr genauso hoch ist wie das Bedürfnis nach Energiegewinnung durch Zucker, war mir schon immer klar. Auf die geniale Idee, Bücher im Süßwarenautomaten anzubieten, sind trotzdem andere gekommen. Seit Dezember 2003 gibt es in vielen Berliner Automaten nicht nur Ritter-Sport und Snickers, sondern auch die kleinen gelben Heftchen von Sukultur, einem Berliner Verlag, der es auf raffinierte Weise versteht, noch unbekannte Autoren einem breiteren Publikum schmackhaft zu machen. Und so gehe ich mittlerweile kalt lächelnd an den Beförderungsbedingungen der BVG vorbei und schmeiße einen Euro in die freundliche Maschine. Dann wähle ich eines der attraktiven kleinen Reclam-Lookalikes aus, und die unbarmherzige Stahlspirale dreht mir ein gut gekühltes Büchlein in die Hände, mit dem ich mich dann die nächste Stunde beschäftigen kann. Ob Horror-Storys, raubeinige Mundart-Räuberpistolen, Lyrik oder Einblicke in die inneren Vorgänge institutionalisierter Idioten, bisher war der Unterhaltungswert immer bestens. Neben jungen No-Name-Autoren finden sich im Programm mittlerweile auch Stars wie Dietmar Dath (wie viel Bücher schreibt der eigentlich am Tag?!), Bdolf (von FleischLego) und Linus Volkmann. Den Beitrag des Letzteren gibt’s nur im Buchhandel, er ist dicker und kostet satte zwei Euro. Aber keine Sorge: Verlagsleiter Frank Maleu ist mit dem Automatenaufsteller, der die Bücher jetzt auch bundesweit anbietet, über einen weiteren 2-Euro-Slot im Gespräch. Wer wissen will, wo man die Bücher findet, kann im Internet nachgucken:
www.satt.org/sukultur/automaten/index.html