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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Welt dreht sich um Dr. Dre

»Straight Outta Compton«

»Straight Outta Compton« ist ein verspätetes Geschenk zum 50. Geburtstag des einzigen HipHop-Milliardärs der Welt. Ein Denkmal, das sich Dr. Dre zu Zeiten von N.W.A. niemals hätte leisten können. Heute zahlt er es aus der Portokasse.
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Dr. Dre hat alles erreicht, was man als Rapper erreichen kann. Der 50-Jährige produzierte unlängst mit Kendrick Lamars »To Pimp A Butterfly« eins der wichtigsten Rap-Alben der letzten Jahre. Eminem, Snoop Dogg und G-Funk hat er weltweit erfolgreich gemacht – und die Geschichte mit den überteuerten Kopfhörern und der Firma mit den überteuerten Smartphones kennt eh jeder. Nur eins fehlte noch: die eigene Lebensgeschichte – verpackt für ein großes Publikum, ohne all die Idiosynkrasien einer Rap-Platte. Der Spielfilm »Straight Outta Compton« ist genau das. Zweieinhalb Stunden lang erzählt er die Geschichte von N.W.A., sprich: die Geschichte von ein paar Freunden aus dem Ghetto von South Central L.A., die Anfang der 1990er eine der erfolgreichsten Rap-Gruppen der USA bildeten.

Ausformuliert wird diese Story schon in den ersten Filmminuten. Rapper Eazy-E (Jason Mitchell) macht Geschäfte mit Drogen und muss vor der Polizei fliehen, die im Anmarsch auf ein Drogenlabor ist. Dr. Dre (Corey Hawkins) liegt in seinem Zimmer inmitten seiner Plattensammlung, im Hintergrund ist eine 808 zu sehen. Er hört Roy Ayers’ »Everybody Loves The Sunshine«, spielt die Pianomotive auf dem Luftklavier, bis ihn seine Mutter auffordert, endlich Geld verdienen zu gehen. Rapper Ice Cube (O’Shea Jackson Jr.) wiederum sitzt im Schulbus, Notizblock und Stift auf dem Schoß, als der Bus von einem Gangmitglied angehalten wird, das einem Mitschüler eine Knarre an die Schläfe hält.
Der Hustler, die Künstlernatur und der wahrheitsliebende Reality-Rapper – bis zum Ende des zweieinhalbstündigen Films von Regisseur F. Gary Gray ändert sich daran nichts. Eazy-E macht den ersten Plattendeal für N.W.A. klar und zieht dann seine Kollegen über den Tisch. Dre interessiert sich für die neuesten Sampler und bricht dann mit seinen Geschäftspartnern, als für sie Bling und Business statt Beats im Vordergrund stehen. Ice Cube schreibt die Lyrics für »Fuck The Police«, nachdem er von der Polizei bei Aufnahmen für N.W.A.s Debütalbum schikaniert worden ist, und zerlegt später das Büro eines Plattenbosses, weil der ihn angelogen hat. Der Rest der fünfköpfigen N.W.A.-Crew spielt ebenso wenig eine Rolle im Film wie die Frauen, die entweder als Bitches oder Mamas porträtiert werden und den Männern nur im Weg sind.

Das ist ärgerlich, aber es war zu erwarten. HipHop lebt ja auch davon, dass Stereotypen zu Charakteren werden, die sich dann im Battle mit anderen Stereotypen messen. Dumm ist nur, wenn man diese Stereotypen wie bei »Straight Outta Compton« ohne Selbstironie als Realität verkaufen will. Dann wird aus dem Beef und dem Bragadaccio auf einmal eine Ideologie des sozialen Aufstiegs. Ihr Held ist Dr. Dre, der sich weder von seinen Verpflichtungen als Vater eines unehelichen Kindes noch vom Pimp-Lebensstil seines Geschäftspartners Suge Knight von der Musik abbringen lässt. »Be real!« als Geschäftsidee, als Comptoner Variante des amerikanischen Traums, der bei Dre genauso individuell bleibt wie bei Jay Gatsby, Lee Iacocca oder Steve Jobs. Politische Losungen wie »agitate, educate, organize« oder »by any means necessary« kommen in dieser HipHop-Geschichtsschreibung nicht mehr vor.

»Straight Outta Compton« (USA 2015; R: F. Gary Gray; D: O’Shea Jackson Jr., Corey Hawkins, Jason Mitchell; Kinostart: 27.08.15)