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Interview zu »Unsane«

Steven Soderbergh steht auf trojanisches Fast Food

Nach zwischenzeitlichem Rückzug vom Filmgeschäft steht Steven Soderbergh wieder unter Strom. Es reihen sich Film- und Fernsehprojekte auf, die anderen bis zum Ruhestand reichen würden. Diesem Tempo kommt die handliche moderne Technologie entgegen: Den Horror-Thriller »Unsane« drehte Soderbergh auf dem iPhone. Alexander Dahas sprach mit ihm über Genreregeln und das US-Gesundheitssystem.

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Steven Soderbergh mag es transparent. Im Internet führt er eine Liste, der man entnehmen kann, was er sich nach Feierabend an Kultur zu Gemüte führt: Bücher, Fernsehserien – und vor allem Filme. An Weihnachten wurden im Hause Soderbergh offenbar drei Filme hintereinander geguckt, darunter der Festtagsklassiker »Bube, Dame, König, grAS«. Man kann der Liste außerdem entnehmen, dass er sich geflissentlich auf ein kommendes Projekt vorbereitet, indem er ordentlich Artverwandtes konsumiert. Sein neuer Film »Unsane« ist zum Beispiel ein Psycho-Thriller mit Horror-Elementen. Er steht in der Tradition der »Video Nasties«, jener Film gewordenen Mutproben, die in den 1980er-Jahren auf westdeutschen Pausenhöfen zirkulierten. »Blutgericht in Texas«, »Hügel der blutigen Augen« und »Ich spuck auf dein Grab« finden sich im Frühjahr 2017 denn auch auf Soderberghs Speisezettel. Kurz bevor es mit den Dreharbeiten zu seinem eigenen Genrefilm losging. »Unsane« handelt von dem traumatisierten Stalking-Opfer Sawyer Valentini (Claire Foy), das auf der Suche nach seelischem Beistand in einer psychiatrischen Klinik vorspricht und den Anamnesebogen unterschreibt, ohne ihn vorher gelesen zu haben. Sawyer weist sich versehentlich selbst in die geschlossene Anstalt ein, in der ein Albtraum beginnt.

»Die Ausgangssituation ist absolut plausibel«, findet Steven Soderbergh. »Sobald man einem Arzt gegenüber das Wort ›Selbstmordgedanken‹ fallen lässt, greift im US-Krankenhaussystem ein Protokoll. Es besagt, dass man von nun an nicht mehr allein gelassen werden darf. Eine zweite Sache ist die dubiose Bettenpolitik. Sie animiert Krankenhäuser dazu, Patienten so lange zu behandeln, wie die Versicherung zahlt. Danach kann es mit der Heilung recht schnell gehen.« Nicht nur in den USA, aber eben auch dort ist das Gesundheitssystem genau wie das Gefängnissystem von wirtschaftlichen Interessen unterwandert. Dies verlieht dem Film jene realistische Dimension des Horrors, auf die es dem Regisseur letztlich ankam. »Eine große Stärke von Genrefilmen ist ihre Fähigkeit, als Trojanisches Pferd für andere Ideen herzuhalten, die einem so im Kopf herumspuken«, erklärt Soderbergh. »Es sind Themen wie diese, die verhindern, dass ein Film wie ›Unsane‹ zum Wegwerfprodukt wird.«

Ein weiterer Aspekt setzt den Film von seinen Artgenossen ab: »Unsane« wurde komplett auf dem iPhone gedreht. »Ich wusste, dass ich eines Tages einen Film mit dieser Technologie drehen würde, aber ich wusste nicht, wann«, sagt Steven Soderbergh. Er wartete, bis ihn ein Drehbuch mit implizierter Low-Budget-Ästhetik überzeugte. Der Regisseur zeigte sich schnell angetan vom handlichen neuen Aufnahmeverfahren: »Für einen Filmemacher gibt es keine wichtigere Entscheidung als die, wohin die Linse zeigen soll«, sagt er. »Plötzlich hatte ich Optionen, die mir vorher nicht zur Verfügung gestanden hatten. Und auch wenn das iPhone beim Dreh extrem empfindlich auf Vibrationen reagiert, überwogen für mich die Vorteile. Die Kamera wurde für mich, was der Pinsel für den Maler ist – direkter geht es nicht. Ich dachte über die Bedeutung der Technologie für meine berufliche Zukunft nach: Würde ich diese Freiheit je wieder aufgeben wollen?«

Mit der Antwort zögert der Regisseur. »Einerseits erscheint mir die Flexibilität, die mit dieser Aufnahmemethode einhergeht, sehr vielversprechend. Technologische Probleme hatten wir während des Drehs auch keine. Uns standen insgesamt drei iPhones zur Verfügung, und selbst am Ende war der Speicher nicht voll. Man bekommt in viel weniger Zeit wesentlich mehr geschafft, und die Filmcrew wird kleiner. Der Kamerawagen fällt weg, die gesamte Ausrüstung passt in einen Rucksack. Wir brauchten statt eines schweren Dollys lediglich einen Stabilisator und einen Rollstuhl.« An einen neuen Trend glaubt Soderbergh trotzdem nicht. »Nur weil einem mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, bedeutet das nicht, dass man auch automatisch bessere Ergebnisse erzielt. Bei mir steht zwar schon ein weiteres Projekt in den Startlöchern, das ebenfalls von der Flexibilität dieser Technologie profitieren wird, aber für einen epischen Kriegsfilm beispielsweise würde ich wahrscheinlich ein anderes Aufnahmeverfahren wählen.« Das Kino bleibt Soderbergh wichtig. »Selbst Amazon und Netflix machen sich momentan Gedanken darüber, wie sie ihre Produkte flächendeckend ins Kino bringen können. Das Kino ist immer noch ein gangbares Geschäftsmodell. Ein seltsames Modell, aber kein Auslaufmodell!«

— »Unsane – Ausgeliefert« (USA 2018; R: Steven Soderbergh; D: Claire Foy, Joshua Leonard, Jay Pharoa; Fox; Kinostart: 29.03.18)