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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Hypermacht. USA in Nahaufnahme

Stefan Fuchs (Hg.)

Es fällt schwer, eine komplexe Kritik an der US-Politik zu formulieren, ohne dabei gleich in Gemeinplätze abzudriften. Diesem Problem schafft die vorliegende Sammlung Abhilfe. Im Auftrag des Deutschlandfunks Köln hat Stefan Fuchs neun amerikanische Intellektuelle interviewt, die für eine kritische H
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Es fällt schwer, eine komplexe Kritik an der US-Politik zu formulieren, ohne dabei gleich in Gemeinplätze abzudriften. Diesem Problem schafft die vorliegende Sammlung Abhilfe. Im Auftrag des Deutschlandfunks Köln hat Stefan Fuchs neun amerikanische Intellektuelle interviewt, die für eine kritische Haltung gegenüber der US-Politik bekannt sind. Es handelt sich um Soziologen, Historiker, Medien- und Politikwissenschaftler, darunter Richard Sennett, Gore Vidal, Benjamin R. Barber und Noam Chomsky.

Jedes Interview legt den Schwerpunkt auf einen anderen Aspekt der jüngeren US-Geschichte. Im Gespräch mit Dan Clawson ist sehr viel über den Einfluss der Konzerne zu erfahren, die den jeweiligen Präsidentenkandidaten sponsern. Er reicht bis in die Gesetzgebung hinein, wo zum Beispiel Philips Petrolium eine Klausel erwirkt hat, als einzige Firma von gewissen Besteuerungen befreit zu sein. Die verschiedenen Formen der Korruption, die in diesem Buch aufgedeckt werden, machen es zu einer wichtigen, weil in die Breite gehenden Veröffentlichung. Auch so manch historisches Vergehen, das man längst vergessen hat oder von dem man gar nicht wusste, wird hier noch einmal aufgerollt, etwa die Ermordung führender "Black Panther"-Aktivisten durch das FBI.

Es gibt aber noch einen anderen Grundton in diesem Buch, der über die Ansammlung von Fakten hinausgeht und allgemeine Spekulationen über Charakter und Wesen der Amerikaner anstimmt. Da ist vom Infantilismus einer Nation die Rede, die nichts weiter zustande gebracht hat, als die ganze Welt mit Mickey Mouse zu verseuchen. Fast alle Gesprächspartner, die sich angeekelt von der McDonalds-Kultur abwenden, geben dabei ihre Liebe zu Europa und dessen tiefer "Kultur des Tragischen" zu erkennen. Bei so viel Europhilie wünschte man den Herren Professoren nichts Schlimmeres als einen Abend Zwangs-TV zwischen Stefan Raab und Johannes B. Kerner. Das ansonsten verdienstvolle Buch hält aber zum Glück auch diesbezüglich ein paar differenziertere Statements bereit. Statt US-Politik und Bevölkerung gleichzusetzen, schließt Dan Clawson schon fast optimistisch mit der Feststellung, dass nicht mehr auf die Politik zu zählen sei, sondern auf all die kleinen Gruppen, "die sich für Arbeiterrechte, fairen Welthandel, Frauenrechte, Umweltschutz, Schwule und Lesben" einsetzen. Der Kampf gegen eine Hypermacht setzt also die Solidarität mit all jenen voraus, die selbst genügend Gründe haben, sich für die Politik ihres Landes zu schämen.

(Edition Nautilus, 160 S., EUR 12,-)