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Mit Tobey Maguire

Spider-Man

Die Achtziger waren gepflastert mit Superhelden-Comics und dem eskapistischen Beiwohnen unserseits an deren Kämpfen gegen Ungetüme der Nacht und für das Wohl der Welt. Auf der einen Seite gab es da den leidlich unfehlbaren Schnösel Clark Kent ("Superman") und den ebenso reichen wie depressiven Fatzk
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Die Achtziger waren gepflastert mit Superhelden-Comics und dem eskapistischen Beiwohnen unserseits an deren Kämpfen gegen Ungetüme der Nacht und für das Wohl der Welt. Auf der einen Seite gab es da den leidlich unfehlbaren Schnösel Clark Kent ("Superman") und den ebenso reichen wie depressiven Fatzke Bruce Wayne ("Batman") - das war eine Phalanx (da hingen noch viel mehr dran: "Aquaman", "Grüner Leuchte", "Roter Blitz" etc.) in Deutschland vertreten durch den Ehapa-Verlag. Auf der anderen Seite gab es die Superhelden von Marvel. Dort traf man auf Typen wie "die Fantastic Four", "X-Men", "Incredible Hulk" oder "Spider-Man" - letzterer auf deutsch damals noch als "Die Spinne" bekannt. Marvels Figuren genossen ehedem den Ruch von mehr Tragik, waren in der Anlage der internen Superhelden-Konfikte (Zerrissenheit! Überforderung! Einsamkeit!) immer etwas interessanter. So wie "Spider-Man" sein, mit diesem Wollen verbrachte zum Beispiel ich große Teile der Zeit im Hof meiner Siedlung.

Und jetzt das: Der neuerliche Film über jenen Peter Parker, der durch den Biss einer genetisch abgedrehten Spinne (im Comic einst noch radioaktiv) mutiert, kommt auffallend gut. Was auch zum großen Teil mit der Ausstattung zu tun hat - die ist mehr als wichtig, um die Figuren nicht in die Cartoon-Falle von so was wie "Batman Forever" tappen zu lassen. Als bestes Beispiel aber für einen miesen Realo-Superhelden-Film (durch hilflose Filzkostümchen) fungiert "Die Spinne" aus den frühen Achtzigern - im Sog der damals boomenden Christopher-Reeves-"Superman"-Verfilmungen aus dem Boden gestampft und aufgrund allzu arger Trashigkeit wie Blei in den Kinosälen verblieben.

Das genaue Gegenteil blüht "Spider-Man" 2002. Wenn er auch ein wenig spät kommt. Doch der Start Ende letzten Jahres wurde nach den Anschlägen des 11.9. rigoros verschoben, da der in New York spielende Film in der Erstfassung auf folgende Schluss-Szene hinführte: In einem riesigen Netz, gespannt zwischen den Türmen des Worldtrade-Centers, verfängt sich ein Hubschrauber. Das ging so was von gar nicht mehr, dass auch mit Verschieben allein nichts zu machen war. So wurde das Finale komplett neugedreht.

Auch in der upgedateten Film-Story kämpft New York in Form seines Firefighters Spider-Man gegen Terror. Der durch einen riskanten Selbstversuch wahnsinnig gewordene Norman Osborn (William Dafoe) wird zum grünen Kobold und will nur noch töten und zerstören. Spider-Man hält dagegen. Soviel zur Zwangsläufigkeit eines solchen Films. Interessanter ist aber viel mehr, dass die Geschichte bei der Superheldwerdung von Peter Parker ansetzt. Und dies über den Character von Tobey Maguire großartig hinhaut. Maguire wirkt im Rahmen der ja wie gesagt stark unter Cartoonverdacht stehenden Szenerie außergewöhnlich echt. Und ist fast schon Emo-Core mit der dicken schwarzen Hornbrille, die an Weezers Rivers Cuomo denken lässt.

"Spider-Man" zeigt auf 116 Minuten, warum seine Hauptfigur zu jenem berühmten Streiter gegen das Böse wird: Ganz einfach, er will Mädchen kriegen. Mary Jane (Kirstin Dunst) nämlich. Die ist - ganz das Superhelden-Groupie - zuerst auch voll von dem maskierten Draufgänger angetan und bestätigt damit Parkers Reflex über die Ersatzhandlung, Verbrecher zu fangen, sexuelle Auslösung erhalten zu können. Doch bevor es dazu kommen kann, gelangt die Läuterung auf die Leinwand: So raunt mich Thomas Venker in der Pressevorführung an, während der Szene, in der Spider-Man im Regen umgekehrt von einem Hausdach hängt und Mary Jane ihn küsst, indem sie seine Maske nur bis zum Mund hochschiebt. Er flüstert mir zu: "Anonymer Sex - genau mein Ding. Kannst mich zitieren!"

Aber genau wie für einen so ausgebufften Swinger wie Thomas Venker dieser eine Kuss schon Sex ist, genauso bleibt er für Spider-Man die größtmögliche Annäherung an die Frau, für die er all das initiiert hat. Seltsam? Schließlich sendet doch Mary untrügliche Zeichen sowohl an Peter (arterhaltender Fetisch, den treuen Mann zu lieben, der Sicherheit ausstrahlt!) als auch an sein Superhelden-Alter ego aus (archaischer Fetisch, den Supermann zu lieben, der andere Männchen in einem fort zu besiegen in der Lage ist!) - in jedem Fall: Mary will, sie kann, sie ist bereit, die ganze Palette der Hingebung eben. Doch die Tragik so weit oben zu sein wie Spider-Man ist, unter der Prämisse zu leben "with more power comes more responsibility". So wird die Verbrechensbekämpfung nicht das Mittel der Erlösung, sondern verharrt als chronische Ersatzhandlung. Mit der der Superheld in seine Bestimmung als asexuelles Wesen überführt wird - und zum Schutzheiligen der Stadt avanciert. Und dabei seine Libido durch die Ejakulation von klebriger Netzflüssigkeit austrägt. Er wird nicht vom Beziehungswollen aber vom Beziehungskönnen befreit. Selbstaufgabe ... nicht ganz, eher selbstgewähltes Leiden für die Gemeinschaft. Aber, hey, New York ist das alles wert. Und das spürt Peter Parker in diesem Film vorbildlich.

Spider-Man
USA 2001
(R: Sam Raimi; D: Tobey Maguire, Kirstin Dunst, William Dafoe; 06.06.)

Linus Volkmann