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(mit Verlosung) USA 2006

Sofia Coppola / Marie Antoinette

Schon die erste Einstellung von Sofia Coppolas neuem Film zelebriert ein königliches Klischee: Ein junges Mädchen liegt, mit Rüschen und Federn geschmückt, auf einer Chaiselongue, umgeben von einer Auswahl von prachtvoll verzierten Sahnetorten. Während eine Dienerin ihr ein paar neue Schuhe anpasst,
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Schon die erste Einstellung von Sofia Coppolas neuem Film zelebriert ein königliches Klischee: Ein junges Mädchen liegt, mit Rüschen und Federn geschmückt, auf einer Chaiselongue, umgeben von einer Auswahl von prachtvoll verzierten Sahnetorten. Während eine Dienerin ihr ein paar neue Schuhe anpasst, blickt sie süffisant in die Kamera, bohrt ihren adeligen Zeigefinger in einen der Kuchen und führt ihn lasziv zum Mund. So sah die Welt Marie Antoinette, die bis heute als Paradebeispiel von Dekadenz gilt. Jeder kennt ihre angebliche Replik “Dann sollen sie doch Kuchen essen”, auf den Hinweis, dass dem Volk das Brot ausgehe. Coppola, seit “Lost In Translation” Oscar-dekorierter Superstar, hat diesem legendenumrankten Teenager nun ein filmisches Denkmal gesetzt. Ihr Film basiert auf der Biografie von Antonia Fraser. Die britische Autorin wagte mit ihrem Buch den Versuch, “Madame Deficit”, wie Marie Antoinette wegen ihrer hemmungslosen Ausgaben zulasten der französischen Staatskasse hämisch genannt wurde, posthum in ein menschlicheres Licht zu rücken.

Kirsten Dunst übernahm die Hauptrolle der jungen Regentin, die 1768 von ihrer strengen Mutter, der österreichischen Kaiserin Maria Theresia (Marianne Faithfull), an den französischen Thronfolger Ludwig XVI. verheiratet wurde, um den Frieden zwischen beiden Nationen dauerhaft zu sichern. Das streng geregelte höfische Leben in Versailles und der verstockte Ehemann, dessen sexuellen Präferenzen nicht ganz klar sind (umwerfend komisch gespielt von Jason Schwartzman), machen Marie Antoinette schwer zu schaffen. Fast zerbricht sie unter dem Druck, möglichst rasch einen Thronfolger zu zeugen. Zunächst verunsichert, später gelangweilt vom strengen höfischen Protokoll und dem indifferenten Ehegatten, mit dem im Bett rein gar nichts läuft, stürzt sie sich in ein hemmungsloses Partyleben.

Ein Großteil der Innen- und Außenaufnahmen wurden in den Schlossanlagen von Versailles gedreht. Kostüme und Ausstattung sind eine wahre Pracht; statt aber nur im Pomp zu schwelgen, kleidet Coppola das Geschehen in subjektivistische, skizzenhafte Bilder, die sie mit einem modernen Soundtrack unterlegt, der einen weiten Bogen von “New Romantic”-Klängen (Cure, Siouxsie & The Banshees) bis hin zu Air, The Radio Dept. oder Aphex Twin schlägt. Die Songs sind mit viel Bedacht ausgewählt, und so manch magischer Moment entsteht, wenn das junge Königspaar etwa zum pompösen Intro von Cures “Plainsong” eine riesige Freitreppe herabschreitet oder die vergnügungssüchtige Thronfolgerin mit einer kreischenden Gruppe Partygirls zu Kevin Shields Remix der Bow-Wow-Wow-Nummer “I Want Candy” durch die langen Schlossgänge tobt. Lance Acord, der bei “Lost In Translation” schon Tokio in einen mythischen Ort verwandelte, stand auch diesmal hinter der Kamera und setzt Coppolas Visionen ein weiteres Mal in unvergessliche Bilder um.

Der Film spaltete die Kritik in extremer Weise. Aus manchem Text sprach blinde Wut auf eine freche Mittdreißigerin, die unter dem Protektorat ihres mächtigen Vaters (Francis Ford Coppola war wieder als ausführender Produzent tätig) an Orten dreht, die andere Regisseure nicht mal betreten dürfen, und dann auch noch einen Film abliefert, der sich einen Dreck um die ungeschriebenen Regeln des Historiendrama-Genres schert. Klar, Coppola ist eine privilegierte Person, aber halt auch eine verdammt talentierte Regisseurin, die sich mit großer Ausdauer an ihrem ureigenen Themenkomplex abarbeitet: Einsamkeitsstudien junger, gutherziger Protagonistinnen in einer fremden, feindseligen Umgebung und die Versuche des im goldenen Käfig eingesperrten Individuums, die eigene “ennui” zu überwinden und in einer gekünstelten, feindlichen Welt den Sinn des Lebens zu entdecken. Man darf vermuten, dass da sehr viel Autobiografisches drinsteckt.

Bei “Lost In Translation” wurde Sofia Coppola ein arroganter amerikanischer Blick auf Asiaten, nun ein reaktionär angehauchter Eskapismus und die Verkitschung historischer Macht- und Unterdrückungsstrukturen vorgeworfen. Tatsächlich ertappt man sich am Ende des Films, als die Bastille gestürmt ist und das Volk vor den Toren Versailles wütet, bei dem zweifelnden Gedanken, ob dieser schmutzige, brüllende Mob wirklich eine gute Alternative zu der geschmackvoll verschnörkelten Bonbonwelt ist, die man vorher so eingehend kennen lernen durfte. Als das Königspaar aus Versailles fliehen muss, flutet Coppola den riesigen Schlossgarten mit dem melodramatischen Licht eines kitschigen Sonnenuntergangs. Und genau das ist die geniale “Unverschämtheit”, die der Film sich leistet: Er taucht eine Epoche royalistischer Willkür in ein glitzerndes, verführerisches Licht und inszeniert einen melancholischen Abgesang auf ein untergehendes Reich. Die letzte Einstellung des Films zeigt die eingetretene Salontür. Der Pöbel hat gewütet, die goldenen Möbel sind kaputt und verdreckt. Bald werden Köpfe rollen. Den hässlichen Anblick der Guillotinen erspart uns die Regisseurin. Das wäre auch ein zu garstiges Schlussbild gewesen für dieses schillernde kontroverse Prunkstück von einem Film.

Gossip-interessierte Intro-Leser wissen natürlich, dass Sofia Coppola mit Thomas Mars liiert ist - dem Sänger, der von uns hoch geschätzen Phoenix (Story hier). Wer wollte, konnte Sofia sogar im letzten Jahr auf dem Haldern Pop Festival anquatschen, als sie ganz verträumt vor der Bühne stand, um ihrem Freund bei der Arbeit zuzuschauen. Diese schöne Celebrity-Love-Story nehmen wir zum Anlass, zehn Exemplare des aktuellen Phoenix-Albums 'It's Never Been Like That' zu verlosen. Einfach eine Mail mit dem Stichwort: "Sofia liebt Mars" an verlosung@intro.de. Die Gewinner werden in den nächsten Tagen per Mail informiert. Viel Glück!